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Die längliche Kiste

Description:  Story by Edgar Allan Poe
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Die längliche Kiste



Als ich vor einigen Jahren von Charleston nach New York reisen mußte, mietete ich mir auf demschönen Paketboot 'lndependence', dem Schiff des Kapitän Hardy, eine Kajüte. DieAbreise war auf den 15. Juni festgesetzt, und am 14. begab ich mich an Bord, um in meinerKajüte noch Verschiedenes zu ordnen.

Ich bemerkte, daß wir eine große Anzahl Passagiere, unter denen sich ungewöhnlich vieleDamen befanden, bekommen sollten. Mehrere meiner Bekannten standen schon auf der Liste,und ich las mit großer Freude unter anderen den Namen des Herrn Cornelius Wyatt, einesjungen Künstlers, mit dem mich eine warme Freundschaft verband. Er hatte gleichzeitig mitmir studiert. Wir waren oft und viel zusammengewesen. Er hatte das richtige Temperamenteines Genies: es war aus Melancholie, Sensibilität und Enthusiasmus seltsam gemischt. Mitdiesen Eigenschaften vereinigte er das ehrlichste und wärmste Herz, das je in der Brusteines Menschen geschlagen hat.

Ich bemerkte, daß seine Karte sich an drei Kajütentüren befand; als ich auf derPassagierliste nachsuchte, fand ich, daß er für sich, seine Frau und seine beidenSchwestern Plätze genommen hatte. Die Kajüten waren ziemlich geräumig, und jedeenthielt zwei übereinander befindliche Bettstellen, die allerdings nur für eine PersonRaum boten; doch konnte ich nicht verstehen, weshalb mein Freund für diese vier Personendrei Kajüten gemietet hatte.

Ich befand mich damals gerade in einer jener verdrießlichen Stimmungen, in denen man oftvon krankhafter Neugierde ergriffen wird, und ich muß beschämt gestehen, daß ich überdiese überflüssige Kajüte eine Menge alberner und boshafter Vermutungen anstellte. Dieganze Sache ging mich ja gar nichts an; nichtsdestoweniger machte ich die hartnäckigstenVersuche, das Rätsel zu lösen.

Endlich kam ich zu einem Schluß, bei dem ich mich verwundert fragte, warum ich nichtgleich auf ihn gekommen sei. »Sie werden natürlich einen Diener oder eine Dienerinmitnehmen«, sagte ich mir. »Welch ein Tor ich doch bin, daß mir dies nicht schonfrüher einfiel! « Noch einmal suchte ich auf der Liste nach - und fand dieausdrückliche Bemerkung, daß kein Diener und keine Dienerin mitgenommen werden sollte,obgleich man offenbar anfangs die Absicht gehabt hatte, Dienerschaft mitzunehmen, denn dieWorte 'samt Dienerschaft', die anfänglich dagestanden hatten, waren wieder durchstrichenworden. Vielleicht hat er Extragepäck bei sich, dachte ich darauf, etwas, das er nicht inden Schiffsraum bringen lassen will, etwas, das er nicht aus den Augen verlieren will, nunhab ich es: ein Gemälde oder etwas Ähnliches, sah ich ihn doch neulich mit Niccolini,dem italienischen Juden, unterhandeln. Ich war nun ganz befriedigt und schickte meineNeugierde zum Kuckuck.

Wyatts beide Schwestern kannte ich sehr gut, es waren liebenswürdige, gescheite Mädchen.Seine Gattin hatte er erst vor kurzem heimgeführt, ich hatte sie noch nie gesehen. Dochhatte er mir mit dem ihm eigenen Enthusiasmus viel von ihr erzählt. Nach seinenBeschreibungen mußte sie von hervorragendster Schönheit, Klugheit und Anmut sein. Ichkonnte es kaum erwarten, sie kennenzulernen.

An dem Tage, an dem ich das Schiff aufsuchte, am 14. also, erwartete man, wie mir derKapitän mitteilte, auch Wyatt und seine Damen. Ich verblieb eine Stunde länger an Bord,als ich beabsichtigt hatte, um die Chance, der jungen Frau vorgestellt zu werden, nur janicht zu versäumen. Ich wartete vergeblich. Die Herrschaften ließen sich mit den Wortenentschuldigen: Frau Wyatt befände sich nicht ganz wohl und werde erst morgen kurz vorAbfahrt das Schiff besteigen.

Am folgenden Morgen, als ich mich auf die Reede begab, begegnete ich zufällig demKapitän Hardy, welcher mir sagte, daß die 'Independence' eingetretener Umstände halber(wie die stupide, aber bequeme Phrase lautet) wohl noch ein oder zwei Tage im Hafen liegenwerde und daß er mir, sobald alles bereit sei, Nachricht zukommen lassen wolle. Ich fanddiesen Aufschub recht sonderbar, da aus dem Süden eine schöne, steife Brise wehte. Trotzhartnäckiger Nachforschungen wollte es mir nicht gelingen, mit den 'eingetretenenUmständen' nähere Bekanntschaft zu machen. So blieb mir also nichts anderes übrig, alsin mein Hotel zurückzukehren und meinen Ärger hinunterzuschlucken.

Eine ganze Woche lang wartete ich auf die ersehnte Nachricht von dem Kapitän; als sieendlich eintraf, begab ich mich unverzüglich an Bord. Die Passagiere gingen lebhaft hinund her, und auf Deck herrschte jene geräuschvolle Geschäftigkeit, die der baldigenAbfahrt eines Schiffes stets voranzugehen pflegt.

Wyatt und seine Damen erschienen etwa zehn Minuten später als ich. Der Künstler schienvon einem seiner gewohnten Melancholieanfälle heimgesucht zu sein; er war in sichversunken und wortkarg, so wortkarg, daß er mich nicht einmal seiner Frau vorstellte.Seine Schwester Marianne, ein reizendes, intelligentes Mädchen, nahm ihm diese Pflichtder Artigkeit ab und machte uns durch ein paar rasche Worte miteinander bekannt.

Bei dieser flüchtigen Vorstellung war Frau Wyatt dicht verschleiert gewesen, und ich mußgestehen, daß ich, als sie den Schleier zurückschlug, aufs höchste erstaunt war. Ichwäre es noch viel mehr gewesen, hätte mich nicht eine lange Erfahrung gelehrt, denenthusiastischen Beschreibungen meines Freundes, sobald er über Frauenschönheit sprach,nur mäßigen Glauben zu schenken. Ich wußte nur zu wohl, daß er sich da leicht zuÜbertreibungen verleiten ließ.

Nein, beim besten Willen konnte ich nicht behaupten, daß Frau Wyatt schön sei; zwar warsie nicht ausgesprochen häßlich - doch auch nicht weit entfernt davon. Jedenfalls sahsie höchst alltäglich aus. Nur war sie mit ausgesuchtestem Geschmack gekleidet; und ichzweifelte nicht, daß sie wohl das Herz meines Freundes durch ihren Geist und ihr Gemütgefesselt habe. Wir wechselten nur sehr wenige Worte; dann begab sie sich sogleich mitHerrn Wyatt in ihre Kajüte.

Jetzt ergriff mich wieder meine alte Neugierde. Dienerschaft hatten sie also nichtmitgebracht, das stand fest. So sah ich mich denn nach dem Extragepäck um. Nach einigerZeit langte auf der Werft ein Karren mit einer länglichen Kiste aus Tannenholz an, aufdie man noch gewartet zu haben schien. Sobald sie an Bord war, lichteten wir die Anker undsteuerten ins Meer hinaus.

Die Kiste war, wie ich schon sagte, länglich und mochte vielleicht sechs Fuß lang undzweieinhalb Fuß breit sein. Ich kann dies mit solcher Bestimmtheit behaupten, weil mirihre eigentümliche Form gleich auffiel. Kaum hatte ich sie gesehen, so gratulierte ichmir zu meiner Geschicklichkeit im Raten. Ich war, wie man sich erinnern wird, zu demSchluß gekommen, daß das Extragepäck meines Freundes, des Künstlers, wohl ein Gemäldesein werde, da ich wußte, daß er in den letzten Wochen mit Niccolini in Unterhandlunggestanden hatte; und jetzt sah ich hier eine Kiste, die, nach ihrer Form zu urteilen,eigentlich nichts anderes enthalten konnte als eine Kopie von Leonardos 'Abendmahl'. Daich außerdem noch wußte, daß sich seit einiger Zeit eine in Florenz von dem jüngerenRubini gefertigte Kopie dieses Meisterwerks im Besitze Niccolinis befunden hatte, durfteich meine Vermutung als bestätigt ansehen. Vergnügt lachte ich über diesen neuen Beweismeines Scharfsinnes. Soviel ich wußte, war es das erstemal, daß Wyatt seinekünstlerischen Geheimnisse mir vorenthielt; er hatte wohl offenbar vor, mich zunasführen und unter meinen Augen ein schönes Kunstwerk einzuschmuggeln. Dafür wollteich ihn ein andermal zu gelegener Zeit gehörig aufziehen. Ein Umstand befremdete mich einwenig. Die Kiste wurde nicht in der Extrakajüte, sondern in der Wyatts untergebracht;dort blieb sie, obwohl sie fast den ganzen Raum einnahm, was doch dem Künstler und seinerFrau äußerst unangenehm sein mußte, da der Teer oder die Farbe, womit mehrere weitauseinanderstehende Buchstaben auf den Deckel hingemalt waren, einen starken, höchstunangenehmen, ja, meinem Ernpfinden nach ekelhaften Geruch von sich gab. Die Worte aufdein Deckel lautet-, 'An Frau Adelheid Curtis, Albany, New York. Aufgegeben von CorneliusWyatt, Esq. Diese Seite oben. Vorsicht!'

Ich wußte, daß Frau Adelheid Curtis aus Albany die Schwiegermutter des Künstlers war,und nahm die ganze Adresse als eine auf mich gemünzte Mystifikation. Denn ich redete mirein, daß die Kiste samt ihrem Inhalt im Atelier meines misanthropischen Freundes in derChamberstreet in New York bleiben und niemals weiter nördlich wandern werde.

Die ersten drei oder vier Tage hatten wir schönes Wetter, obgleich uns der Wind direktentgegenblies, denn er hatte, sobald die Küste außer Sicht gekommen war, nach Nordengedreht. Die Passagiere waren alle in bester Laune und zu fröhlicher Geselligkeitaufgelegt, alle, d. h. mit Ausnahme Wyatts und seiner Schwestern, die sich gegen dieübrigen Passagiere nicht allein steif, sondern, wie mir schien, ziemlich unhöflichbenahmen. Bei Wyatt fiel mir dies nicht so sehr auf, denn wenn er auch außerordentlichmelancholisch, ja sogar mürrisch erschien, so war ich doch dergleichen von ihm längstgewohnt. Für seine Schwestern jedoch suchte ich vergeblich nach einer Entschuldigung. Sieschlossen sich fast den ganzen Tag über in ihre Kajüten ein und waren trotz meinerwiederholten Vorstellungen nicht zu bewegen, mit jemandem an Bord zu verkehren. Frau Wyattdagegen war viel angenehmer: sie plauderte gern und viel, und jeder, der eine längereSeereise gemacht hat, weiß, welch angenehme Eigenschaft dies auf See ist. Sie wurde mitden meisten Damen ungemein vertraut und legte zu meinem höchsten Erstaunen eineunverkennbare Neigung, mit den Männern zu kokettieren, an den Tag. Jedenfalls amüsiertesie uns außerordentlich. Ich sage 'amüsierte' - und weiß kaum, wie ich das, was ichdarunter verstehe, näher bezeichnen soll. Ich möchte nur erwähnen, daß mir baldauffiel, daß man weit öfter über Frau Wyatt als mit ihr lachte; die Herren sagten wenigüber sie; doch die Damen behaupteten nach kurzer Zeit, sie sei ein gutmütiges, ziemlichalltäglich aussehendes, gänzlich unerzogenes, ungebildetes Ding.

Alle Welt fand es unerklärlich, daß Wyatt sich ein solches Wesen als Lebensgefährtingewählt hatte. Man suchte sich diese absonderliche Verbindung als eine Geldheirat zuerklären. Ich wußte jedoch bestimmt, daß diese Annahme absolut unbegründet sei, dennWyatt hatte mir einmal gesagt, daß seine Frau nicht einen Dollar als Heiratsgut und inIhrem Leben auch nie eine Erbschaft zu erwarten habe. Nur aus Liebe, einzig und allein ausLiebe, sagte er, heirate er sie, und seine Braut sei seiner Liebe mehr als würdig.

Ich muß gestehen, daß ich, als ich mich an diese Worte erinnerte, gar nicht wußte, wasich von ihm halten sollte. Hatte er denn keine Augen, um zu sehen, hatte er den Verstandverloren, er, ein so hochgebildeter, geistvoller, zart empfindender Mann mit seineraußerordentlichen Empfindlichkeit gegenüber allem Unfeinen und Unkünstlerischen, seinemheißen Drang nach Schönheit! - Jedenfalls schien die Dame ihn recht gern zu haben -besonders in seiner Abwesenheit -, denn sie machte sich dann in einem fort dadurchlächerlich, daß sie immer und ewig wiederholte, was ihr 'vielgeliebter Gatte' da unddort gesagt habe; das Wort 'Gatte' besonders schien ihr - um mich eines ihrer zartenAusdrücke zu bedienen - 'immer auf der Zunge zu sein'.

Mittlerweile war es schon allen Passagieren aufgefallen, daß Wyatt selbst seine Gattin,wo es nur anging, mied und sich den größten Teil des Tages in seine Kajüte einschloßund es seiner Frau überließ, sich nach Gutdünken mit der in der großen Kajüteversammelten Gesellschaft zu 'amüsieren'.

Aus allem, was ich sah und hörte, mußte ich schließen, daß der Künstler einer derganz unberechenbaren Launen des Schicksals zum Opfer gefallen sei oder daß er in einemAnflug grillenhafter Leidenschaft sich mit einer tief unter ihm stehenden Person verbundenhabe, und daß das natürliche Resultat, baldige und vollkommene Abneigung, nun schoneingetroffen sei. Ich bedauerte ihn aus Herzensgrund, doch konnte ich ihm seineGeheimnistuerei mit dem 'Abendmahl' nicht vergeben: dafür wollte ich mich noch einmal anihm rächen.

Eines Tages erschien er auf dem Verdeck, und ich nahm, wie wir es gewohnt waren, seinenArm und schlenderte mit ihm eine Zeitlang auf und ab. Seine Melancholie, die mir jetzterklärlich vorkam, schien ihn noch immer vollständig zu beherrschen. Er sprach wenig,dies Wenige nur mürrisch und gezwungen. Ich versuchte ein paar Scherze zu machen und sah,daß er sich zu einem krampfhaften Lächeln quälte. Armer Kerl! - Wenn ich an seine Fraudachte, wunderte ich mich fast noch, daß er sich so heiter stellen konnte.

Dann beschloß ich, an die Ausführung meines Racheplanes zu gehen. Ich machte eine Mengeversteckter Anspielungen auf die längliche Kiste, um ihm zu zeigen, daß ich wenigstensschon Argwohn schöpfte. Ich spielte auf ihre eigentümliche Form an, lächelteverständnisinnig, blinzelte ihm zu und klopfte ihm sanft mit dem Zeigefinger auf dieSchulter.

Die Art und Weise, mit der Wyatt diesen harmlosen Scherz aufnahm, brachte mich zu derÜberzeugung, daß ich es mit einem Wahnsinnigen zu tun habe. Zuerst starrte er mich an,als sei es ihm unmöglich, meinen Witz zu verstehen. In dem Maß aber, wie ihm allmählichdas Verständnis aufzugehen schien, rissen sich seine Augen auf und schienen aus ihrenHöhlen springen zu wollen. Dann schoß ihm glühende Röte ins Gesicht - gleich daraufwurde er erschreckend bleich und brach endlich, als hätten ihn meine Worte aufs höchstebelustigt, in ein langes, tolles Lachen aus, das wohl zehn Minuten andauerte und sichfortwährend steigerte -, dann stürzte er der Länge nach auf das Verdeck hin und schien,als ich ihn aufheben wollte, tot.

Ich rief um Hilfe; nur mit vieler Mühe gelang es uns, ihn wieder zu sich zu bringen. Ermurmelte unzusammenhängende Worte, man ließ ihn zur Ader und brachte ihn zu Bett. Amanderen Morgen war er jedoch, wenigstens körperlich, vollkommen wiederhergestellt; vonseinem Verstand will ich nicht reden. Auf Anraten des Kapitäns, der auch von seinemWahnsinn zu wissen schien, mied ich von nun an seine Gegenwart. Auch teilte ich niemandeman Bord etwas von meinen Vermutungen mit. Bald nach diesem Anfall ereigneten sich abermehrere Dinge, die meine Neugierde nur noch steigern mußten. Ich hatte eines Tages, alsich nervös war, zu viel grünen Tee getrunken und schlief in der Nacht sehr schlecht -ja, eigentlich schlief ich ein paar Nächte überhaupt nicht. Meine Kajüte ging, wie diealler Junggesellen an Bord, in die große Kajüte oder den Speisesaal hinaus. WyattsKajüten liefen sämtlich in die zweite, kleinere Kajüte aus, die sich unmittelbar hinterder ersten, großen befand und von dieser nur durch eine Schiebetür getrennt war, dienie, selbst des Nachts nicht, verschlossen wurde. Da wir fast immer dicht beim Windelagen, legte sich das Schiff ziemlich stark leewärts, und so oft es mit dem Steuerbordauf die Leeseite geworfen wurde, schob sich die Schiebetür zwischen den beiden Kajütenauf, und da sich niemand die Mühe gab, sie wieder zu schließen, blieb sie auch offen.

Mein Bett war nun aber so angebracht, daß ich von ihm aus, wenn die Schiebetür und meineKajütentür offen standen (und die letztere war bei der großen Hitze fast niegeschlossen), deutlich in die zweite, hintere Kajüte hineinsehen konnte, und zwar geradein den Teil, in welchen die drei Kajüten Wyatts sich öffneten. Als ich nun einmal, wieerwähnt, ein paar Nächte lang nicht schlafen konnte und geradeaus vor mich hinstarrte,sah ich deutlich, daß Frau Wyatt jede Nacht gegen elf Uhr abends aus der Kajüte ihresGatten herausschlich und sich in die Extrakajüte begab, wo sie bis zum Morgen verblieb.Erst wenn ihr Gatte sie gerufen hatte, betrat sie dessen Kajüte wieder. Daß die beidennicht wie Eheleute zusammen lebten, unterlag also keinem Zweifel. Sie hatten getrennteZimmer inne - vielleicht nur als Vorbereitung für ein baldiges endgültigesAuseinandergehen. Und ich glaubte zum zweitenmal, dem Geheimnis der Extrakajüte auf dieSpur gekommen zu sein.

Doch zog noch ein anderer Umstand mein Interesse an. Während der schlaflosen Nächtevernahm ich, unmittelbar nachdem Frau Wyatt die Kajüte ihres Gatten verlassen hatte, indieser ein sonderbares, vorsichtiges, gedämpftes Geräusch. Ich lauschte eine Zeitlangaufmerksam hin, bis es mir gelang, die merkwürdigen Töne zu deuten. Ohne Zweifelversuchte der Künstler mittels eines Meißels und Hammers die längliche Kiste zu öffnen- der Kopf des Hammers mußte, seinem dumpfen Aufschlagen nach zu urteilen, mit einemwollenen oder baumwollenen Stoff umhüllt sein; nur auf diese Weise ließ sich seineigentümlich gedämpftes Klopfen erklären.

Ich lauschte immer gespannter, so daß ich ganz genau den Augenblick zu erkennen glaubte,in dem der Deckel völlig losgelöst sein mußte und der Künstler ihn ganz abhob und aufdie untere Bettstelle seiner Kajüte legte. Dies letztere schloß ich aus gewissenleichten Stößen des Deckels an die hölzernen Bettkanten, und überdies war ja auf demBoden gar kein Platz. Dann folgte eine Totenstille, und ich hörte nichts mehr bis zumTagesanbruch - abgesehen von einem leisen Schluchzen oder Murmeln, das jedoch beinaheunhörbar an mein Ohr schlug, so leise und schwach, daß ich es fast als eineVorspiegelung meiner allzu wachen Phantasie ansehen muß. Es hätte ein Schluchzen undMurmeln sein können und auch wieder nicht - wahrscheinlich klangen mir nur die Ohren.Jedenfalls jedoch ließ Wyatt einmal wieder irgendeiner phantastischen Laune die Zügelschießen, überließ sich wieder allzusehr seinem künstlerischen Enthusiasmus.Wahrscheinlich hatte er die längliche Kiste geöffnet, um seine Augen ungestört an demSchatz, den sie verbarg, zu weiden. Aber darin lag doch gewiß nichts, was ihn zumSchluchzen hätte bringen können. Ich wiederhole deshalb noch einmal, daß mich wohlmeine durch Kapitän Hardys grünen Tee allzu erregte Phantasie mit falschenVorspiegelungen quälte.

In jeder der schlaflosen Nächte hörte ich kurz vor Tagesanbruch deutlich, wie Herr Wyattden Deckel wieder auf die längliche Kiste legte und mit dem umwickelten Hammer die Nägelin ihre alten Löcher schlug. War dies geschehen, so trat er, vollständig angekleidet,aus seiner Kajüte heraus und rief Frau Wyatt aus der ihrigen.

Sieben Tage waren wir schon auf See und befanden uns eben auf der Höhe von Kap Hatteras,als plötzlich aus Südwest ein furchtbarer Sturm losbrach. Von verschiedenen Anzeichenbenachrichtigt, waren wir auf Unwetter vorbereitet, und in einem Augenblick war oben undunten auf dem Schiff alles wohlverwahrt und festgemacht; doch da der Sturm an Heftigkeitstetig zunahm, legten wir endlich, unter doppelt gerefftem Flitter- und Vormarssegel, bei.

Achtundvierzig Stunden blieb das Schiff in diesem Zustand, ohne sonderlichen Schaden zunehmen, es erwies sich im Gegenteil als äußerst seetüchtig und schöpfte fast gar keinWasser. Nach Verlauf dieser Zeit jedoch steigerte sich der Sturm zum Orkan, unserHintersegel zerriß in Fetzen, und wir gerieten bald so sehr zwischen die Wogen, daß wirunmittelbar nacheinander mehrere Sturzwellen bekamen. Bei dieser Gelegenheit wurden dreiPersonen über Bord gerissen, die Kombüse und fast die ganze äußere Plankenbekleidungam Backbord wurde von den Wellen weggespült. Kaum waren wir wieder zu uns gekommen, sozerriß auch unser Vormarssegel in tausend Stiicke. Wir setzten ein Sturmsegel aus, woraufes einige Zeitlang leidlich gut ging.

Der Sturm jedoch hielt immer noch an und nichts ließ erwarten, daß er sich bald legenwerde. Wir bemerkten, daß unser Takelwerk arg mitgenommen war, und am dritten Tage desUnwetters brach unser Besanmast, und wir wurden mit größter Heftigkeit hin und hergeschleudert. Der gebrochene Mast lag auf dem Deck, und bei dem fürchterlichen Schlingerndes Schiffes bemühten wir uns vergeblich, ihn loszuwerden. Gegen fünf Uhr nachmittagsteilte der Schiffszimmermann die keineswegs ermutigende Tatsache mit, daß im Schiffsraumdas Wasser vier Fuß hoch stehe, und um all das Unheil zu krönen, stellte es sich baldheraus, daß die Pumpen nicht funktionierten.

Nun geriet alles in Verwirrung und wilde Angst, und man schritt zu dem verzweifeltenVersuch, das Schiff durch Abwerfen aller erreichbaren Ladung und Abhauen der beidenletzten Masten zu erleichtern. Mit vieler Mühe gelang uns dies endlich, doch da diePumpen nach wie vor unbrauchbar blieben, füllte sich das Schiff immer mehr mit Wasser.Gegen Sonnenuntergang ließ der Sturm merklich nach, und da auch die See minder heftigging, schöpften wir die schwache Hoffnung, uns in Boote retten zu können. Um acht Uhrabends zerteilten sich die Wolken, leuchtend brach das Licht des Vollmondes durch siehindurch, erhellte unsere düstere Angst und richtete unseren gesunkenen Mut durch seintrostverheißendes Glänzen wieder auf.
Nach unsäglichen Anstrengungen gelang es uns, das große Boot unbeschädigt ins Wasserzubringen. Die ganze Schiffsmannschaft sowie der größte Teil der Passagiere nahm in ihmPlatz und gelangten nach drei schreckensvollen Tagen endlich in die Okrakoke-Bay.

Vierzehn Passagiere und der Kapitän waren auf dem Wrack geblieben, da sie der Jolle amHinterteil des Schiffes ihr Leben anvertrauen wollten. Wir brachten diese auch ohneSchwierigkeit ins Wasser, doch verhinderte nur ein Wunder, daß sie im Augenblick, da siein die Wellen tauchte, nicht umschlug. Kapitän Hardy und Frau, Wyatt mit seinen Damen,ein mexikanischer Offizier mit Frau und Kindern und ich selbst mit einem Neger, derBedientendienste versah, hatten als letzte in dem schwachen Fahrzeug Zuflucht genommen.

In diesem war natürlich für nichts weiter als für ein paar Lebensmittel und dienotwendigsten Instrumente Platz; es war auch niemand auf die Idee gekommen, auch nur diegeringste Kleinigkeit zu retten und die Jolle zu überlasten. Wie groß war daher unseraller Erstaunen, als Herr Wyatt, nachdem wir einige Klafter vom Schiff entfernt waren,plötzlich aufstand und ganz kaltblütig von dem Kapitän verlangte, er solle das Bootnochmals beim Schiffe anlegen lassen, weil er die längliche Kiste mitnehmen wolle.

»Setzen Sie sich doch, Herr Wyatt!« antwortete ihm der Kapitän in etwas strengem Tone.»Wenn Sie nicht ganz still sitzen, wird das Boot umschlagen! Schon jetzt ist unserDahlbord im Wasser!« »Die Kiste! Die Kiste!« schrie Wyatt, noch immer stehend - »ichmuß die Kiste haben! Kapitän, Sie können, Sie werden mir die Kiste nicht verweigern!Sie wiegt ja nur eine Kleinigkeit - fast gar nichts! Wahrhaftig, gar nichts! Bei derMutter, die Sie geboren - beim Himmel selbst - bei Ihrem Seelenheil bitte ich Sie,beschwöre ich Sie, fahren Sie zurück, lassen Sie mich die Kiste holen!«
Einen Augenblick schien der Kapitän von dem inständigen Flehen des Künstlers erweichtzu werden, doch bald gewann er seine ernste Ruhe wieder und sagte einfach:
»Herr Wyatt, Sie sind von Sinnen! Ich darf Ihrer Bitte kein Gehör schenken! Setzen Siesich, sage ich noch einmal, oder Sie bringen das Boot zum Umschlagen. Bleiben Sie doch - -halten Sie ihn! Packen Sie ihn! Er will über Bord springen! - Da! - Wußt' ich's doch!Nun ist's um ihn geschehen!«
Wyatt war in der Tat in diesem Augenblick über Bord gesprungen. Da wir noch in der Leedes Wrackes waren, gelang es ihm, ein Tau zu erfassen, das am Vorderdeck herabhing. EinenAugenblick später stand er an Bord und stürzte wie ein Wahnsinniger die Treppe zurgroßen Kajüte hinab.

Wir waren inzwischen hinter das Schiff getrieben worden und, da wir uns ganz außerhalbseiner Lee befanden, der grausamen Wucht der Wogen ausgesetzt. Wir versuchten, nach demWrack zurückzufahren, doch unser kleines Boot war unlenkbar wie eine Feder im Winde. Eineinziger Blick sagte uns, daß das Schicksal des unglücklichen Künstlers besiegelt sei.

Während wir uns nun ziemlich rasch von dem Wrack entfernten, sahen wir den Wahnsinnigen(nur als solchen konnten wir ihn noch ansehen) die Kajütentreppe wieder hinaufkommen, dielängliche Kiste mit einem übermenschlichen Kraftaufwand hinter sich herschleppend.Während wir noch zu ihm hinüberstarrten, wand er ein dreizölliges Tau mehrmals um dieKiste und dann um seinen Leib. Im nächsten Augenblicke stürzte er sich mit seiner Lastins Meer, in dem er sofort und auf immer verschwand.

Mit schweigendem Entsetzen hatten wir diesem Schauspiel zugesehen und schreckerfüllt dieRuder sinken lassen. Endlich aber gebot uns die Gefahr, so rasch wie möglichfortzusteuern. Wohl eine Stunde verging, ehe jemand ein Wort zu sprechen wagte.

»Haben Sie auch bemerkt, Herr Kapitän«, fragte ich nach einer langen Weile, »wie rascher mit der Kiste gesunken ist? War das nicht recht sonderbar? Ich gestehe, daß ich immernoch einige Hoffnung hegte, ihn gerettet zu sehen, als er sich an die Kiste anband und insMeer warf.«
»Mit dieser Kiste mußte er natürlich sinken«, erwiderte der Kapitän, »und zwar soschnell wie eine Bleikugel. Sie werden jedoch wieder an die Oberfläche kommen -allerdings nicht eher, als bis das Salz geschmolzen ist.«
»Das Salz?!« rief ich aus.
»Still!« meinte der Kapitän mit einem Seitenblick auf die Gattin und die Schwestern desVerstorbenen. »Wir werden zu gelegenerer Zeit von diesen Dingen sprechen.«
Nach vielen Mühsalen retteten wir mit knapper Not unser Leben. Mehr tot als lebendiglandeten wir nach vier Tagen bitterster Leiden in der Bucht, welche Roanoke-Islandgegenüber liegt. Hier blieben wir eine Woche, wurden von den Strandräubern leidlichbehandelt und fanden endlich Gelegenheit zur Überfahrt nach New York.

Etwa einen Monat nach dem Untergang der 'Independence' begegnete ich dem Kapitän Hardyauf dem Broadway. Wie nur zu erklärlich, kamen wir bald auf unser Unglück und auf dastraurige Schicksal des armen Wyatt zu sprechen. So erfuhr ich denn folgendes:
Der Künstler hatte für sich, seine Gattin, seine beiden Schwestern und eine DienerinPlätze auf dem Schiff genommen. Seine Gattin war in der Tat, wie er sie mir geschilderthatte, eine überaus reizende, liebenswürdige, feingebildete Dame. Am Morgen desvierzehnten Juni, an dem Tag also, an welchem ich die 'lndependence' zum erstenmal betrat,erkrankte Frau Wyatt plötzlich und starb. Der junge Gatte geriet vor Schmerz fast vonSinnen, doch erlaubten gewisse Umstände nicht, die geplante Reise nach New Yorkhinauszuschieben. Er wollte den Leichnam seiner angebeteten Gattin ihrer Mutter zuführen- nur machte ein allgemein verbreitetes Vorurteil die Ausführung dieses Planes fastunmöglich. Neun Zehntel aller Passagiere würden die Plätze lieber abbestellt haben, alsmit einem Leichnam auf dem Schiff die Überfahrt anzutreten.

Da war denn Kapitän Hardy auf den Gedanken gekommen, den Leichnam teilweiseeinbalsamieren und mit einem großen Quantum Salz in eine Kiste von angemessener Größepacken und als Passagiergut auf das Schiff schmuggeln zu lassen. Das plötzlicheHinscheiden der jungen Frau sollte absolut verborgen bleiben; und da es nun einmal bekanntgeworden war, daß Wyatt für sich und seine Gattin Plätze gebucht hatte, mußte man einePerson finden, die für die Dauer der Überfahrt Frau Wyatt vorstellen konnte. DasKammermädchen der Verstorbenen ließ sich leicht dazu überreden. Die Extrakajüte, dieHerr Wyatt anfangs für die Dienerin seiner Frau gebucht hatte, behielt er einfach fürseine Pseudofrau. Bei Tage spielte sie, so gut sie eben vermochte, die Rolle ihrer Herrin,die, wie man bestimmt wußte, keiner der Passagiere je gesehen hatte.

Ich selbst aber war durch meine allzu lebhafte Neugier und die Neigung, aus allem um jedenPreis meine Schlüsse zu ziehen, irregeführt worden.

In letzter Zeit schlafe ich nur sehr selten ruhig. Ein geisterhaftes Gesicht verfolgtmich, wenn ich mich auf meinem Lager hin und her wälze. Und ein hysterisches Lachen, dasich wohl nie vergessen werde, klingt in meinen Ohren.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
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Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrecht, mit …
Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
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