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Landors Landhaus

Description:  Story by Edgar Allan Poe
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Landors Landhaus



Als ich im vergangenen Sommer eine Fußtour durch einige Grafschaften in der Nähe New Yorks machte,wußte ich eines Tages gegen Abend nicht mehr genau, auf welchem Wege ich mich befand. Die Gegend war merkwürdig hügelig, und mein Pfad hatte sich während der letzten Stunde beiseinem Bestreben, in den Tälern zu bleiben, so verworren hin und her gewunden, daß ichnicht mehr wußte, in welcher Richtung ich das liebliche Dorf B., in dem ich die Nacht zubleiben beschlossen hatte, suchen müßte. Während des Tages, der unangenehm schwülgewesen war, hatte die Sonne eigentlich kaum einmal wirklich geschienen. Ein dampfigerNebel hüllte alle Dinge ein und machte mich noch unsicherer. Doch war ich durchaus nichtbeunruhigt. Wenn ich das Dorf auch vor Sonnenuntergang oder vor Einbruch der Dunkelheitnicht erreichte, so mußte ich doch höchstwahrscheinlich bald auf eine kleineholländische Farm oder ein ähnliches Gebäude stoßen, obgleich die Umgebung, vielleichtweil sie mehr malerisch als fruchtbar war, nur spärlich bewohnt wurde. Und im schlimmstenFall hätte mich die Notwendigkeit, mit meinem Tornister als Kissen und meinem Hund alsSchildwache unter freiem Himmel biwakieren zu müssen, auch nur amüsiert. So vertrauteich denn Ponto meine Flinte an und streifte nach Herzenslust weiter; und als ich endlichanfing, genauer zuzusehen, ob die zahllosen kleinen Pfade, die hin und zurück liefen,wirklich Wege sein sollten, führte mich bald der verlockendste von ihnen auf einenwirklichen Fahrweg. Man bemerkte deutlich die Spuren leichter Räder, und obgleich dashohe Gesträuch und das aufgeschossene Unterholz oben wieder zusammenschlugen, bot sichunten doch nicht das geringste Hindernis dar, nicht einmal für einen virginischenBergkarren, der doch das anspruchsvollste Vehikel ist, das ich kenne. Der Weg selbsthatte, abgesehen davon, daß er frei durch das Gehölz lief - wenn Gehölz für diesschmächtige Gesträuch nicht ein viel zu grober Name ist - und Räderspuren aufwies,nicht die geringste Ähnlichkeit mit all den Wegen, die ich bis dahin gesehen hatte. DieSpuren waren nur sehr schwach sichtbar, da seine angenehm feuchte Oberfläche fest war:sie erinnerte an grünen genuesischen Sammet. Er war mit einem Rasen bedeckt, so kurz,dicht, gleichmäßig, von so glänzender Farbe, wie wir ihn sonst nur in England kennen.In den Räderfurchen lag nicht das kleinste Hindernis, kein Stückchen Holz, kein welkerZweig. Die Steine, die ehemals die Bahn versperrten, hatte man sorgfältig an den Rand desWeges gelegt, nicht geworfen, so daß sie eine seitliche Grenze mit einer Artzufälliger Genauigkeit angaben, die äußerst malerisch wirkte. Aus den Zwischenräumenwuchsen üppige Büsche wilder Blumen hervor.

Ich wußte nicht recht, was für Schlüsse ich aus all dem ziehensollte. Daß ich hier zweifellos eine Kunstäußerung vor mir hatte, überraschte michnicht, denn im eigentlichen Sinne sind ja alle Straßen Werke der Kunst. Auch kann ichnicht sagen, daß mich das Maß der angewendeten Kunst so sehr verwunderte. Alles,was man getan hatte, konnte man vielleicht hier bei den günstigen natürlichenVorbedingungen (so heißt es, glaub ich, in den Büchern über Landschaftsgärtnerei) mitwenig Mühe und Kosten getan haben. Es war also nicht der Aufwand, sondern der Charakterder Kunst, der mich veranlaßte, mich auf einen der blumenüberwucherten Steineniederzulassen und den elfenhaft schönen Pfad wohl eine halbe Stunde oder länger inwundersamem Erstaunen anzuschauen. Und je länger ich schaute, desto offenbarer wurde mireins: nur ein Künstler, und zwar einer mit dem empfindlichsten Auge fürFormenschönheit, konnte diese Anlage geschaffen haben. Er hatte die größte Sorgfaltdarauf verwandt, zwischen dem Sauberen und Anmutigen einerseits und dem Pittoresken imwahren Sinne des italienischen Wortes anderseits die richtige Mitte zu halten. Man sahwenig gerade und keine langen ununterbrochenen Linien. Die gleiche, durch eine Biegungoder eine Farbe hervorgerufene Wirkung erschien gewöhnlich von einem bestimmtenGesichtspunkte aus zweimal, doch nicht öfter. Überall herrschte Abwechslung in derEinheitlichkeit. Das Ganze war eine Komposition, an der auch der anspruchsvollstekritische Geschmack nichts mehr zu verbessern gefunden haben würde.

Ich hatte mich, als ich den Weg betrat, nach rechts gewandt undverfolgte aufsteigend dieselbe Richtung. Der Pfad zog sich in kurzen Serpentinen dahin, sodaß ich ihn keinen Augenblick lang weiter als zwei oder drei Schritte überschauenkonnte. Seine Oberfläche wies nicht die geringste Veränderung auf.

Plötzlich klang mir Wassergemurmel lieblich ins Ohr, und ein paarAugenblicke später, als ich mit dem Wege eine etwas schärfere Wendung machte, als esbisher geschehen war, erblickte ich am Fuße eines sanften Abhanges gerade vor mir einGebäude. Ich konnte es jedoch wegen des Nebels, der das kleine Tal vor mir füllte, nichtgenau erkennen. Die Sonne ging gerade unter - ein sanfter Wind sprang plötzlich auf. Undwährend ich auf dem First des Abhanges stehen blieb, zerstreute sich der Nebel undflatterte in Flocken über dem Bilde vor mir.

Wie dieses nun sichtbar wurde, ganz allmählich, nach und nach -hier ein Baum, dort ein aufschimmernder Wasserstreifen, dann wieder ein StückchenDachfirst -, konnte ich mich der Vorstellung nicht erwehren, das Ganze sei nur einSpiegelbild.

Während der letzte Nebel vollständig hinwegtrieb, war die Sonnehinter die anmutigen Hügel gesunken und schien mir plötzlich, als habe sie einen kleinenSchritt gegen Süden gemacht, durch einen Hohlweg, der im Westen aus dem Talhinausführte, in vollem purpurnen Glanze entgegen. Wie durch Zauberkraft wurde das ganzeTal und alles in ihm von glänzendstem Licht erleuchtet.

Der erste Blick auf die Landschaft, nachdem die Sonne in die ebenbeschriebene Lage gesunken war, machte mir den Eindruck, den ich als Kind oft von derSchluß-Szene eines Melodramas oder sonst eines geschickt gemachten theatralischenSchauspiels empfing. Alles erinnerte mich daran, selbst die Übertriebenheit der Farbenwar die gleiche; denn das Sonnenlicht schoß in flammendstem Orange und Purpur durch denHohlweg, und das strahlende Grün des Rasens wurde von der leichten Dunstdecke, die mirnoch immer zu Häupten hing, als zögere sie, sich von diesem so bezaubernd schönenAnblick zu trennen, auf alle Dinge zurückgeworfen.

Das kleine Tal, in das ich, so unter meinem Nebeldache stehend,hinabblickte, mochte nicht mehr als vierhundert Ellen lang sein; seine Breite schwanktezwischen fünfzig, hundertfünfzig, ja vielleicht zweihundert Ellen. Am nördlichen Endewar es am engsten und erweiterte sich, doch nicht regelmäßig, nach Süden zu. Vielleichtachtzig Ellen vom Südende entfernt war es am weitesten. Die Abhänge, die das Talumrahmten, konnten mit Ausnahme derer am Nordende kaum Hügel genannt werden. Dort jedocherhob sich ein steiler Granitblock zu einer Höhe von etwa neunzig Fuß; und das Tal war,wie ich schon bemerkte, an dieser Stelle nicht mehr als fünfzig Fuß breit. Ging manjedoch nach Süden zu, so fanden sich zur Rechten und zur Linken Abhänge, die wenigerhoch, weniger steil und felsig waren. Kurz, nach Süden hin wurde alles niedriger undsanfter; und doch war das ganze Tal so von mehr oder minder hohen Anhöhen umgeben, daßnur zwei Stellen frei blieben. Eine von diesen habe ich schon erwähnt: sie lag nachNordwesten und ließ durch einen regelmäßigen, natürlichen Spalt in der Granitmauer dasLicht der untergehenden Sonne hinein. Dieser Spalt mochte, so weit das Auge in ihnhineindringen konnte, an seiner weitesten Stelle zehn Ellen breit sein und schien wie einenatürliche Chaussee in das Innere noch unerforschter Berge und Wälder zu führen. Dieandere Öffnung befand sich genau am südlichen Ende des Tales. Hier waren die Hügel imallgemeinen nur sanfte Abhänge, die sich vielleicht hundertundfünfzig Ellen weit vonOsten nach Westen hin ausdehnten. Ungefähr in ihrer Mitte war eine Senkung, deren Bodenmit dem des Tales gleiche Höhe hatte. Auch die Vegetation wurde, wie alles andere, nachSüden hin niedriger und sanfter. Im Norden erhoben sich, wenig Schritte von dem steilenAbgrund entfernt, die prächtigen Stämme weißer und schwarzer Nuß-, Eichen- undKastanienbäume, deren starke Seitenäste sich weit über den Rand des Abgrundeserstreckten. Weiter nach Süden hin erblickte der Beschauer dieselben Bäume, doch warensie da weniger hoch, weniger zahlreich, überhaupt weniger großartig in ihrerErscheinung; hier wuchs die zartere Ulme, inmitten von Sassafras - undHeuschreckenbäumen, weiter grünte die lieblichere Linde, der sanfte Ahorn, und auf diesefolgten noch anmutigere, biegsamere Arten. Der ganze südliche Abhang war mit Buschwerkbestanden, nur hin und wieder erhob sich eine Silberweide oder Silberpappel darüberhinaus. Auf dem Boden des Tales selbst (alles bis jetzt Erwähnte wuchs, wie man sicherinnern wird, an den Abhängen und auf den Felsen) sah man drei einzeln stehende Bäume.Einer von ihnen war eine Ulme, von schlanker Größe und ausgesucht schöner Form. Siestand wie eine Wache am südlichen Eingang des Tales. Der zweite war ein weißerWalnußbaum, ausladender als die Ulme, überhaupt viel prächtiger, obwohl sie beide inihrer Art herrlich waren; er schien den nordwestlichen Eingang, behüten zu wollen,entsprang mitten in dem Schlunde der Schlucht zwischen Felsbrocken und streckte seinenschönen Körper in einem Winkel von fünfundvierzig Grad weit in den Sonnenschein desAmphitheaters hinein. Ungefähr dreißig Ellen nach Osten von diesem Baum stand jedoch derStolz des Tales - ohne Zweifel der schönste Baum, den ich je gesehen. Es war eindreistämmiger Tulpenbaum - ein Liriodendron tulipiferum - aus der Ordnung der Magnolien.Die drei Stämme trennten sich etwa drei Fuß über dem Boden voneinander, wandten sichleicht und regelmäßig voneinander ab und waren an der Stelle, an welcher der stärksteStamm Laubwerk ansetzte, vielleicht vier Fuß voneinander entfernt (es geschah in einerHöhe von vielleicht acht Fuß). Die Gesamthöhe der Hauptabteilung mochtehundertundzwanzig Fuß betragen. Nichts kann die Schönheit der Form und das glänzendeGrün der Blätter des Tulpenbaumes übertreffen. Augenblicklich mochten sie wohl achtZoll breit sein, aber ihre Herrlichkeit wurde durch die strahlende Pracht üppigstenBlütenreichtums noch verdunkelt. Stellen Sie sich einmal nahe zusammengedrängt eineMillion der größten, glänzendsten Tulpen vor! Nur auf diese Weise kann ich ein Bild vondem Anblick geben. Und dann die kraftvolle Anmut der sauberen, zart gekörnten,säulenschönen Stämme; der größte von ihnen maß zwanzig Fuß über dem Boden vierFuß im Durchmesser. Seine zahllosen Blüten, deren Hauch sich mit denen anderer, kaumweniger schöner, doch bei weitem nicht so großartiger Bäume mischte, erfüllten das Talmit den süßesten Wohlgerüchen. Der Boden des Amphitheaters war mit dem gleichen Grasbewachsen, das ich schon auf der Landstraße bewundert hatte; vielleicht war es nochzarter, dicker, sammetähnlicher, noch tiefer grün. Es war schwer zu begreifen, wie maneine solche Schönheit hatte erzielen können.

Ich sprach eben von den zwei Eingängen, die in das Tal führten.Aus dem nordwestlichen schoß ein Flüßchen hervor, das mit sanftem Murmeln und weißemSchäumen die Schlucht hinuntersprudelte, bis es sich an den Felsbrocken, aus denen derweiße Walnußbaum sproßte, stieß. Es schlang sich um den Baum herum, wandte sich dannein wenig nach Nordosten, wobei es den Tulpenbaum vielleicht zwanzig Fuß südlich liegenließ, floß ohne Änderung in seinem Laufe weiter, bis es in die Mitte zwischen deröstlichen und der westlichen Talgrenze kam. An diesem Punkte wandte es sich im rechtenWinkel nach Süden und schlängelte seinen Weg dahin, bis es sich in einen kleinen See vonunregelmäßiger, im allgemeinen ovaler Form verlor, der schimmernd am unteren Ende desTales lag. Er mochte an seiner breitesten Stelle vielleicht hundert Ellen breit sein. SeinWasser war klar wie der reinste Kristall und sein Boden, den man deutlich sehen konnte,über und über mit glänzend weißen Kieselsteinen bestreut. Seine smaragdgrünen Uferrundeten sich mehr, als daß sie abfielen, in den klaren Widerschein des Himmels unten;und so klar war dieser Wasserhimmel, so vollständig spiegelte er alle Dinge wider, daßes schwer war, zu unterscheiden, wo die grüne, wirkliche Uferbank aufhörte und ihrSpiegelbild begann. Die Forellen und einige andere Fischarten, die ich in diesem Seeerblickte, schienen wirklich und wahrhaftig zu fliegen. Es war ganz unmöglich, zuglauben, daß sie nicht wirklich in der Luft dahinschossen. Ein leichtes birkenes Boot,das ruhig auf dem Wasser lag, wurde getreuer als von dem besten Spiegel mit seinenkleinsten Maserungen widergestrahlt. Ein Inselchen, das im Schmucke seiner blühendenBlumen heiter wie ein Lächeln schimmerte und gerade groß genug war, um ein reizendeskleines Vogelhaus zu tragen, erhob sich nicht weit von der nördlichen Küste des Sees undwar mit derselben durch eine unglaublich zart aussehende, doch ganz einfache Brückeverbunden, die aus einem einzigen breiten, dicken Brett aus Tulpenbaumholz bestand. Siewar vierzig Fuß lang und bog sich in leichtem, doch deutlichem Bogen, der jedes Schwankenausschloß, von Küste zu Küste. Am südlichen Ende des Sees trat das Flüßchen wiederaus demselben heraus, schlängelte sich vielleicht noch dreißig Ellen weiter, trat durchdie schon beschriebene Senkung in der Mitte der südlichen Abhänge aus dem Tal, sprangdann einen steilen Abgrund von vielleicht hundert Fuß hinab und machte sich auf denvielfach gewundenen Weg zum Hudson.

Der kleine See war tief, an manchen Stellen wohl dreißig Fuß,während das Flüßchen selten mehr als drei Fuß tief und acht Fuß breit war. Sein Bodenund-seine Ufer waren genau so wie die des Sees - wenn man ihnen vom Standpunkte desMalerischen aus hätte einen Vorwurf machen wollen, so wäre es der absoluter Sauberkeitgewesen.

Die große, grüne Rasenfläche wurde hier und da durch glänzendesBuschwerk, wie Hydrangea oder Schneeball oder duftendes Syringengesträuch, unterbrochen;häufiger noch durch einen Tuff Geranien, die in allen Farben prächtig in Blüte standen.Sie wuchsen in Töpfen, die sorgfältig in dem Boden vergraben waren, so daß es denEindruck machte, als seien sie eingepflanzt. Außerdem war der Rasensammet wie besprenkeltmit Schafen, die mit drei zahmen Rehen und einer großen Zahl glänzend befiederter Entenim Tal umherstreiften. Ein sehr großer Bullenbeißer schien alle diese Tiere zu bewachen.

An den östlichen und westlichen Felswänden, die ziemlich steilabfielen, wuchs üppigster Efeu, so daß nur hier und da der nackte Fels zum Vorscheinkam. Der nördliche Abhang war fast vollständig von selten schönen Weinranken bedeckt,die zum Teil dem Boden am Fuße des Felsens, zum Teil den Spalten in seinem Angesichtentsprossen.

Die leichte Erhebung, die die untere Grenze dieses Besitztumsbildete, wurde von einer kleinen Steinmauer gekrönt, die hoch genug war, das Entkommender Rebe zu verhindern. Nirgendwo sonst war eine Einfriedung zu sehen, da die natürlichenGrenzen jeden Zaun unnötig machten. Wenn sich zum Beispiel ein Schaf verirrte und durchdie Schlucht aus dem Tale entweichen wollte, so fand es seinen Weg ein paar Ellen weiteran dem abstürzenden Felsrande aufgehalten, über den das Wässerchen sprang, das zuerstmeine Aufmerksamkeit erregte, als ich mich dem Besitztum näherte. Als einziger Aus- undEingang diente ein Tor, das die zwischen Felsen dahinführende Straße abschloß, wenigeSchritte unter dem Punkt, auf dem ich stand und das Bild vor mir überschaute.

Ich sagte schon, daß sich das Flüßchen oder der Bach währendseines ganzen Laufes sehr unregelmäßig hin und her schlängelte. Seine Hauptrichtungging erst von Westen nach Osten und dann von Norden nach Süden. Bei der Biegung schwenkteer zurück, machte eine fast kreisförmige Schlinge, so daß er eine Halbinsel umschloß,die fast eine vollständige Insel war und wohl ein sechzehnter Morgen groß sein mochte.Auf dieser Halbinsel stand ein Wohnhaus - und wenn ich von diesem Hause sage, daß es, wiedie von Vathek gesehene unterweltliche Terrasse, ›était d'une architecture inconnuedans les annales de la terre‹, so meine ich damit, daß sein ganzer Anblick dasstärkste Gefühl von Eigenart und Zweckdienlichkeit in mir auslöste - kurz von Poesie(denn ich könnte nur mit diesen beiden Worten eine scharfe Definition des abstraktenBegriffes Poesie geben) - meine ferner, daß der Eindruck des bloß Außergewöhnlichen inkeiner Hinsicht überwog.

Man konnte sich in der Tat nichts Einfacheres, nichtsAnspruchsloseres denken als diese Hütte. Sie verdankte ihre wunderbare Wirkungvollständig ihrem künstlerischen Aufbau als Gemälde. Wenn man sie so ruhig betrachtete,konnte einem wohl der Gedanke kommen, daß irgendein hervorragender Landschaftsmaler siemit seinem Pinsel aufgeführt habe.

Der Punkt, von dem aus ich das Tal überschaute, war nicht durchaus,wenn auch fast der beste, von dem aus man ein Haus in Augenschein nehmen konnte.Ich möchte das Landhaus deshalb so beschreiben, wie ich es später sah - von derSteinmauer am südlichen Ende des amphitheatralichen Bildes aus.

Das Hauptgebäude war ungefähr vierundzwanzig Fuß lang undsechzehn breit - auf keinen Fall länger oder breiter. Seine ganze Höhe vom Boden zurDachspitze konnte nicht mehr als achtzehn Fuß betragen. An das westliche Ende diesesBauwerkes schloß sich ein weiteres an, das in allen seinen Verhältnissen ein Drittelkleiner war. Seine Fassade lag vielleicht zwei Ellen weiter zurück als die desHauptgebäudes, und auch sein Dach war naturgemäß niedriger. Im rechten Winkel zu diesenGebäuden und vom hinteren Teil des größeren, doch nicht vollständig in der Mitte,erhob sich ein dritter, sehr kleiner Flügel, in allem wohl ein Drittel schmaler als derwestliche, kleinere Teil des Ganzen. Die Dächer der zwei größeren Partien waren sehrsteil, beschrieben vom First aus eine lange, konkave Kurve und ragten wohl wenigstens vierFuß über die Frontmauern hinaus, so daß sie zur gleichen Zeit die Dächer für zweiLaubengänge bildeten. Sie hatten natürlich keinerlei Stütze nötig; da es jedoch so aussah,als wäre dies der Fall, hatte man ihnen an den Ecken leichte, vollständig glatte,einfache Säulen als Ruhepunkte gegeben. Das Dach des nördlichen Flügels bestandvollständig aus einem solch herüberragenden Teil des Hauptdaches. Zwischen demHauptgebäude und dem westlichen Flügel erhob sich ein ziemlich hoher, schlanker,viereckiger Kamin von harten holländischen, teils schwarz, teils rot gefärbten Ziegeln,den ein kleiner Fries von hervorkragenden Ziegeln krönte. Auch über den Dachstuhl ragtendie Dächer ziemlich weit hinaus, bei dem Hauptgebäude vielleicht vier Fuß nach Ostenund zwei nach Westen. Der Haupteingang befand sich nicht genau am Hauptgebäude, sondernlag ein wenig nach Osten, während zwei Fenster die Front des westlichen Teilesunterbrachen. Sie reichten nicht ganz bis zum Boden, waren jedoch viel länger und enger,als man es im allgemeinen gewohnt ist; jedes war durch einen türähnlichen Fensterladenverschlossen; die Scheiben waren aus großen rautenförmigen Flächen zusammengesetzt. Dieobere Hälfte der Tür bestand ebenfalls aus Glas, aus einer rautenförmig eingeteiltenScheibe. Ein großer Laden verschloß sie zur Nacht. Die Tür des westlichen Flügelsbefand sich unter dem Dachstuhl und war ganz einfach. Ein einziges Fenster ging nachSüden hinaus. Der nördliche Flügel hatte keine Tür und ebenfalls nur ein nach Ostengehendes Fenster. An der glatten Mauer, die den östlichen Dachstuhl trug, lief eineTreppe schräg hinauf, die von Süden her aufstieg. Beschützt von dem weit vorragendenDach, führten diese Stufen zu einer Tür, die sich in die Mansarden oder vielmehr auf denSpeicher öffnete, denn dieser ganze Teil wurde nur durch ein nach Norden gehendes Fenstererhellt und schien als Vorratskammer zu dienen.

Die Säulengänge des Hauptgebäudes und des westlichen Flügelshatten einen durchaus originellen Fußboden; vor den Türen und vor jedem Fenster lagengroße, flache, unregelmäßig geformte Granitplatten, zwischen denen der wundervolleRasen hervorquoll; dadurch waren die Wege bei jedem Wetter gangbar. Auf gleiche Weisehergestellte hübsche Pfade leiteten zu einer vielleicht fünf Schritt seitlich gelegenenkristallhellen Quelle, auf die Landstraße hinaus und zu ein paar Gartenhäuschen, dienördlich, jenseits des Flüßchens, zwischen Johannisbrotbäumen und Catalpas verstecktlagen.

Ungefähr sechs Schritte vor dem Haupteingang erhob sich derabgestorbene Rumpf eines phantastisch geformten Birnbaumes, der von der Wurzel bis zumWipfel über und über mit den farbenprächtigsten Begonien bedeckt war, so daß man nurmit Mühe erkennen konnte, was dies reizende Ganze im Grunde eigentlich war. Anverschiedenen Ästen des Baumes hingen Vogelkäfige. In einem von ihnen, einem großen,zylinderförmigen aus Weidengeflecht, in dem ein Ring baumelte, hüpfte eine Spottdrosselhin und her, in einem anderen eine Goldamsel, in einem dritten die freche Reisammer -während drei oder vier zarter gebaute Gefängnisse von holdzwitschernden Kanarienvögelnerfüllt waren.

Die Säulen, die die Säulengänge stützten, waren von Jasmin undGeißblatt umrankt, und in dem Winkel, den das Hauptgebäude mit dem westlichen Flügelbildete, kletterte ein Weinstock von beispielloser Üppigkeit empor. Jeden Versuch derAbgrenzung verachtend, war er zuerst auf das niedrigere Dach geklettert, dann auf dashöhere, und rankte und schlängelte sich nun am Dachfirst entlang, warf verschwenderischeRanken rechts und links herab, bis er sich vom östlichen Dache hinunterstürzte und überdie Treppe schleppend dahinzog.

Das Haus und die Nebenflügel waren nach alter holländischer Artmit breiten, an den Ecken ungerundeten Schindeln erbaut. Dies Material hat dieEigentümlichkeit, den Häusern, die aus ihm erbaut sind, den Anschein zu geben, alswären sie unten am Grunde breiter als oben am Dach, etwa nach dem Muster alterägyptischer Architektur; in unserem Fall wurde dieser außerordentlich malerischeEindruck durch zahlreiche große Blumentöpfe mit reichen Blüten, die am Boden fast dasganze Haus umgaben, noch verstärkt. Die Schindeln waren mit gedecktem Grau bemalt, undwie glücklich ihr neutraler Ton in das lebhafte Grün der Tulpenbäume, die das Haus zumTeil überschatteten, überging, kann sich jeder Künstler leicht vorstellen.

Von der erwähnten Steinmauer ans konnte man die Gebäude am bestenübersehen, denn der vorspringende südöstliche Winkel ließ das Auge die beiden Fassadenübersehen, dazu den malerischen westlichen Dachstuhl, einen bedeutenden Teil desNordflügels, ein Stück des reizenden Treibhausdaches und fast die Hälfte einerzierlichen Brücke, die den Bach in der Nähe des Hauptgebäudes überspannte.

Ich blieb nicht lange auf dem Gipfel des Hügels stehen, doch langegenug, um das Bild zu meinen Füßen gründlich in Augenschein zu nehmen. Da sich jedersagen mußte, daß ich mich auf meinem Wege zum nächsten Dorfe verirrt hatte, machte ichvon dem guten Recht aller Wanderer Gebrauch, öffnete ohne weitere Zeremonien das Tor undtrat in die kleine Besitzung ein, um nach meinem Weg zu fragen.

Der Weg vom Tor senkte sich sacht den nordöstlichen Abhang hinab.Er führte mich an den Fuß des nördlichen Abhanges und von da aus über die Brücke, andem östlichen Flügel vorbei zum Haupteingang. Ich bemerkte beim Gehen, daß dieGartenhäuschen im Tal überhaupt nicht zu sehen waren.

Als ich um die Ecke des Hauses bog, sprang der Bullenbeißer aufmich zu, schweigend, aber in Blick und Haltung drohend wie ein Tiger. Ich hielt ihm jedochzum Zeichen der Freundschaft meine Hand hin, denn ich habe nie einen Hund gekannt, dereinem solchen Appell an seine Höflichkeit widerstanden hätte. Er wedelte daraufhin dennauch nicht nur mit dem Schweif, sondern bot mir sogar seine Pfote dar und dehnte seineLiebenswürdigkeit auch auf Ponto aus.

Da ich keine Klingel bemerkte, klopfte ich mit meinem Stock gegendie halb offen stehende Tür. Im selben Augenblicke erschien auf der Schwelle die Gestalteiner jungen Frau von vielleicht achtundzwanzig Jahren - schlank, fast zart und etwas mehrals mittelgroß. Als sie sich mir mit einer unbeschreiblich anmutigen, bescheidenenBestimmtheit des Schrittes näherte, mußte ich mir sagen, daß ich hier dieVollkommenheit natürlicher Grazie im Gegensatz zu aller künstlichen gefunden hatte. Diezweite und bei weitem stärkere Empfindung bei ihrem Anblick war lebhaftes Entzücken.Noch nie war mir ein solcher Ausdruck von Romantik, von - ich möchte sagen -Außerweltlichkeit, wie er aus dem Blick ihrer tiefen Augen sprach, mit gleicher Gewaltins innerste Herz gedrungen. Ich weiß nicht, wie es kommt, doch dieser besondere Ausdruckder Augen, der sich oft in dem Schwung der Lippen widerzuspiegeln scheint, ist dermächtigste, wenn nicht der einzigste Reiz, der meine Aufmerksamkeit auf eine Frau lenkt.Romantik - ich nehme an, daß meine Leser vollständig verstehen, was ich alles mit diesemWorte sagen will - Romantik und Weiblichkeit scheinen mir zwei gleichbedeutende Ausdrückezu sein, und schließlich liebt kein Mann in einer Frau etwas anderes als ihreWeiblichkeit. Annies Augen - ich hörte, wie jemand aus dem Innern des Hauses ihr »liebeAnnie« zurief - waren von durchseeltem Grau, ihr Haar ein helles Kastanienbraun; dies waralles, was ich in der kurzen Zeit von ihr wahrnehmen konnte.

Auf ihre höfliche Einladung hin trat ich ein und durchschnittzuerst ein ziemlich geräumiges Vestibül. Da ich gekommen war, um zu beobachten, blickteich mich ein wenig um und bemerkte zu meiner Rechten ein Fenster, das genau so gestaltetwar wie die an der Vorderseite; zu meiner Linken war eine Tür, die in das Hauptgemachführte, während ich dem Eingang gegenüber durch eine offene Tür in ein kleines Zimmerblickte, das, genau so groß wie das Vestibül, als Studierzimmer eingerichtet war und einnach Norden gehendes Bogenfenster hatte.

Ich trat ins Wohnzimmer und befand mich Herrn Landor gegenüber -dies war, wie ich später erfuhr, der Name des Hausherrn. Er kam mir höflich, ja,herzlich entgegen, doch lag mir in dem Augenblick mehr daran, die Einrichtung des Hauses,das mich so sehr interessierte, zu studieren, als die persönliche Erscheinung seinesBewohners.

Den nördlichen Flügel füllte, wie ich jetzt sah, das Schlafzimmeraus, dessen Tür zum Wohnzimmer zu offen stand. Westlich von der Tür ging ein Fenster aufden Bach hinaus. Am äußersten Ende des Wohnzimmers befanden sich ein Kamin und eine Türin den westlichen Flügel, der allem Anschein nach die Küche enthielt.

Man konnte sich nichts Schlichteres und Einfacheres denken als dieAusstattung des Wohnzimmers. Den Boden bedeckte ein Teppich von gefärbter Wolle und vonausgezeichnetem Gewebe. Der Grund war weiß und mit kleinen, kreisrunden grünenZeichnungen dicht besät. Die Fenster waren mit schneeweißen Jaconet-Vorhängenverhüllt, die ziemlich schwer in starr regelmäßigen, parallel laufenden Falten bis aufden Boden hingen, gerade bis auf den Boden. Die Wände waren mit sehr zarterfranzösischer Tapete bekleidet, auf deren silbernem Grund eine blaßgrüne Zickzacklinielag. Die Wandfläche wurde von drei ausgezeichneten Lithographien von Julien unterbrochen,die, ohne Rahmen, als einziger Wandschmuck dienten. Eine dieser Zeichnungen gab ein Bildvon orientalischem Luxus, morgenländischer Üppigkeit; eine andere eine unvergleichlichlebensprühende Karnevalsszene; die dritte stellte einen griechischen Frauenkopf dar:niemals habe ich ein himmlischeres Antlitz mit einem reizvolleren, unbestimmteren Ausdruckgesehen.

Der gröbere Teil der Ausstattung bestand aus einem runden Tisch,einigen Stühlen, einem Schaukelstuhl, einem Sofa oder vielmehr einem Kanapee, dessenHolzwerk aus weißgemaltem, leicht mit grünen Fäden durchwobenem Ahorn und dessen Sitzaus Rohr bestand. Die Stühle und der Tisch gehörten zueinander, doch all ihre Formenhatte offenbar dasselbe Hirn ausgedacht, das die Anlagen draußen. angelegt hatte - mankonnte sich unmöglich etwas Anmutigeres vorstellen.

Auf dem Tisch lagen ein paar Bücher, ein großes viereckigesKristallflakon mit irgendeinem neuen Parfüm, standen eine einfache Astrallampe auspoliertem Glas mit einem italienischen Lampenschirm und eine große Vase mit prachtvollblühenden Blumen. Ihre strahlenden Farben und ihr zarter Duft waren das einzige, das nurals Dekoration diente. Den Herd des Kamins füllte ein Topf leuchtender Geranien fastvollständig aus. Auf den Eckbrettern in jedem Winkel des Zimmers standen ähnliche Vasen;sie unterschieden sich voneinander nur durch ihren verschiedenfarbigen Inhalt. Ein oderzwei kleinere Bouquets schmückten den Mantel des Kamins, und Büschel frisch gepflückterVeilchen standen auf den Fensterbrettern umher.

Ich schließe - denn diese Arbeit sollte nur ein genaues Bild vondem Landhause des Herrn Landor geben, wie ich es eines Tages auf meinen Streifzügen fand.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
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