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Das ovale Porträt
Mein Fieber war äußerst hitzig und langwierig. Alle Heilmittel, die
ich mir in den wilden Apenninen verschaffen konnte, hatte ich schon erfolglos
angewandt. Mein Kammerdiener und einziger Mitbewohner des einsamen Schlosses war
zu nervös und zu ungeschickt, um mich zur Ader zu lassen; überdies hatte
ich auch bei dem Zusammenstoß mit den Banditen Blut genug verloren. Da fiel
mir ein, daß ich noch ein kleines Paket Opium in meiner Tabatière
bei mir hatte. Pedro reichte mir die Büchse; doch als ich mir einen Teil
von dem Gift abschneiden wollte, zögerte ich ein wenig. Beim Rauchen kam
es nicht so sehr darauf an, wie viel man nahm, doch hier lag die Sache anders.
Ich hatte noch nie Opium gegessen. Aber ich half mir aus der Verlegenheit, indem
ich beschloß, zuerst nur eine ganz kleine Dosis zu nehmen. Sollte sie nicht
wirken, so wollte ich sie so lange gradweise verstärken, bis ich fühlte,
daß das Fieber sich verminderte und der Schlaf, der mich nun schon seit
fast acht Tagen floh, sich auf meine taumelnden Sinne herabsenken würde.
Das Schloß, in das mein Diener gewaltsam eingedrungen war, damit ich in
meinem beklagenswerten Zustand die Nacht nicht im Freien zubringen müsse,
war ein Gebäude von halb großartiger, halb melancholischer Bauart und
mochte wohl schon lange, lange finster in die Apenninen hinabgeschaut haben. Allem
Anschein nach war es erst seit kurzem und nur für kurze Zeit verlassen worden.
Wir richteten uns in einem der kleinsten und am wenigsten prunkvoll möblierten
Zimmer ein. Es lag in einem Eckturm des Schlosses und war mit reichem, wenn auch
altem, teils zerfallenem Schmuckwerk ausgestattet. Die Mauern waren mit einer
wahrhaft erstaunlichen Menge moderner Gemälde behangen, die nicht nur die
Hauptwände des Zimmers, sondern auch die zahlreichen Nischen und Erker schmückten.
Ich befahl Pedro, meinem Diener, die schweren Vorhänge vor die Fenster zu
ziehen und, da es Nacht wurde, einen großen, vielarmigen Kandelaber anzuzünden,
der am Kopfende des Bettes stand. Dann hieß ich ihn die schwer befransten,
schwarzsamtenen Bettgardinen beiseite schieben. Ich wollte, falls ich nicht schlafen
konnte, die Gemälde betrachten und den kleinen Band durchlesen, den ich auf
den Kissen gefunden hatte und der eine Beschreibung und Kritik der Gemälde
enthielt.
Ich las lange, lange und betrachtete die Bilder voll Ehrfurcht und Andacht. Schnell,
mit glänzenden Flügeln entflohen die Stunden, und die tiefe Mitternacht
zog heran. Die Stellung des Kandelabers mißfiel mir, und um meinen schlafenden
Diener nicht zu wecken, streckte ich selbst mit Mühe die Hand aus und wandte
ihn so, daß seine Strahlen voller auf mein Buch fielen.
Diese kleine Bewegung hatte eine ganz ungeahnte Wirkung. Die Strahlen der zahlreichen
Kerzen fielen jetzt in eine Nische, die bis dahin tief im Schatten eines Bettpfostens
gelegen hatte, und ich erblickte in hellster Beleuchtung ein bis jetzt unbemerktes
Porträt. Es war das Bild eines jungen, zum Weibe reifenden Mädchens.
Ich blickte es schnell an und schloß dann sofort die Augen. Weshalb ich
das tat, wußte ich im ersten Augenblick selbst nicht, und ich begann mit
geschlossenen Lidern über den Beweggrund nachzugrübeln. Es war wohl
eine instinktive Bewegung gewesen, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen - um mich
zu vergewissern, daß mein Blick mich nicht getäuscht - um meine Phantasie
zu beruhigen, damit sie den Gegenstand nüchtern und ruhig betrachte. Nach
ein paar Sekunden blickte ich das Gemälde wieder fest an.
Daß ich nun richtig sah, konnte ich nicht länger bezweifeln, noch wollte
ich es - denn der erste Widerschein der Kerzen auf der Leinwand hatte die träumerische
Versunkenheit, die sich vielleicht über meine Sinne gebreitet hatte, verwischt
und mich plötzlich vollständig wach gemacht.
Das Bild war, wie schon gesagt, das Porträt eines jungen Mädchens -
nur der Kopf und die Schultern, und zwar in jener Art gemalt, die man mit dem
technischen Ausdruck >Vignettenstil< bezeichnet. Die Arme, der Busen und
selbst die Spitzen ihres schimmernden Haares gingen unmerklich in den unbestimmten,
tiefen Schatten über, der den Hintergrund des Gemäldes bildete. Der
Rahmen war oval, reich vergoldet und in maurischem Geschmack verziert. Rein als
Kunstwerk genommen, konnte es nichts Bewunderungswerteres geben als dieses Porträt
- und doch hätte weder die vollkommene Ausführung des Bildes noch die
himmlische Schönheit der dargestellten Person mich so plötzlich und
so heftig erregen können. Auch sah ich sehr wohl ein, daß ich im ersten
Augenblick des Erwachens aus meinen Träumereien das Bild nicht etwa für
eine lebendige Person hätte halten können: die vignettenhafte Art der
Ausführung und der glänzende Rahmen hätten einen solchen Gedanken
überhaupt wohl nicht aufkommen lassen... Ich dachte über dies alles
vielleicht eine Stunde lang nach, in meine Kissen zurückgelehnt, und hielt
meine Blicke immer fest auf das Porträt gerichtet, bis ich endlich das ganze
Geheimnis dieses sonderbaren Bildes entdeckte. Sein Reiz bestand nämlich
in der vollkommenen Lebensähnlichkeit seines Ausdrucks, der mich beim ersten
Anblick so lebhaft erregt, verwirrt, ja, erschreckt hatte. Mit einem Gefühl
tiefen, ehrfürchtigen Schauderns schob ich den Kandelaber in seine frühere
Stellung zurück, und nachdem ich so die Ursache meiner lebhaften Erregung
meinen Blicken entzogen hatte, ergriff ich das Buch, das die Beschreibung und
die Geschichte der Gemälde enthielt. Ich suchte die Nummer des ovalen Porträts
auf und las die deutungsreichen, sonderbaren Worte:
»Sie war ein Mädchen von seltenster Schönheit und so heiter wie
liebenswürdig. Und verhängnisvoll war die Stunde, in welcher der Maler
sie sah, liebte und zur Gattin nahm. Er war leidenschaftlich, grüblerisch,
streng und hatte schon eine Braut in seiner Kunst... Sie aber war ganz Licht und
Lächeln und zu Scherzen aufgelegt wie ein junger Pfau; sie liebte und hätschelte
alle Dinge und haßte nur eins: die Kunst, die ihre Rivalin war, und fürchtete
nur die Palette und die Pinsel und die übrigen verhaßten Werkzeuge,
die ihr den Anblick des Geliebten so oft entzogen hatten. Mit Schrecken vernahm
sie den Wunsch ihres Gatten, sie zu porträtieren. Doch war sie ergeben und
gehorsam und saß geduldig lange Wochen hindurch in dem düsteren, hohen
Turmzimmer, durch das nur von oben ein bleiches Licht auf die graue Leinwand fiel.
Er aber, der Maler, setzte seinen ganzen Stolz in dies Werk, das täglich,
stündlich seiner Vollendung entgegenging. Und er war ein leidenschaftlicher,
seltsamer, grüblerischer Mann, der sich in Träumereien verlor, so daß
er nicht sah oder nicht sehen wollte, daß das Licht, das so gespenstisch
in jenes einsame Turmzimmer fiel, die Gesundheit und die Seele seiner Frau zerstörte,
die für alle Welt, nur nicht für ihn, sichtbar dahinsiechte. Dennoch
lächelte sie immer und klagte niemals, weil sie sah, daß der Maler,
der weit über das Land berühmt war, in seinem Schaffen tiefen Genuß
fand und Tag und Nacht arbeitete, um die zu malen, die ihn so grenzenlos liebte
- und die täglich müder und schwächer wurde. Und alle, die das
Porträt sahen, sprachen mit unterdrückter Stimme von seiner Ähnlichkeit
wie von einem unerklärlichen Wunder, wie von einem machtvollen Beweis von
der Kunst des Malers und seiner Liebe zu ihr, die er so vollendet ähnlich
auf die Leinwand bannte. Doch als sich die Arbeit ihrem Ende nahte, wurde niemand
mehr in den Turm zugelassen, denn der Maler war wie besessen vom Eifer für
sein Werk und wandte nur selten noch seine Blicke von dem Bild auf die Züge
seiner Frau. Und er wollte nicht sehen, daß die Farben, die er auf die Leinwand
auftrug, von den Wangen der Frau verschwanden, die vor ihm saß. Und als
viele Wochen vorübergegangen waren und nur noch wenig zu tun blieb -noch
ein Strich über die Lippen, noch ein letzter Glanz über dem Auge -,
flackerte die Seele der jungen Frau noch einmal auf wie eine verglimmende Lampe.
Und der Maler machte den Strich über die Lippen und legte den Glanz über
das Auge, und er stand einen Augenblick wie entzückt vor dem Werk seiner
Hände. Im nächsten Augenblick aber, während er noch in Anschauung
versunken war, begann er zu zittern und wurde totenbleich und schrie, von einem
Entsetzen jäh angefaßt, mit lauter Stimme: >Das ist ja das Leben
selbst!< und wandte sich zu seiner Geliebten. - Sie war tot! «
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