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Wassergrube und Pendel

Description:  Story by Edgar Allan Poe
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Wassergrube und Pendel



Impia tortorum longas hic turba furores
Sanguuns innocui, non satuata aluit.
Sospite nunc patria, fracto nunc funeris antro,
Mors ubi dirafuit vita salusque patent.

(Inschrift für das Tor, das zu dem Platz führt, auf demsich das Gebäude
des Jakobiner-Klubs zu Paris befunden hat.)


Die lange Todesangst hatte mich gebrochen, mein Leben bis ins Mark zerstört, und als man meineFesseln löste und mich sitzen ließ, fühlte ich, daß meine Sinne schwanden. Das Urteil,das fürchterliche Todesurteil, war der letzte deutliche Laut, der mein Ohr erreichte,dann schienen die Stimmen meiner Untersuchungsrichter traumhaft in ein unbestimmtes Summenzusammenzuschmelzen, das sich in meiner Seele zu dem Gedanken an eine Umdrehungverdichtete - vielleicht, weil es in meiner Phantasie die Vorstellung eines Mühlradeshervorrief. Doch währte dies nur eine sehr kurze Zeit, denn plötzlich vernahm ich nichtsmehr. Doch sah ich noch eine Zeit lang - aber in welch gräßlicher Verzerrung! - dieLippen der Richter in den schwarzen Talaren, und sie erschienen mir weiß; weißer als dasBlatt, auf welches ich diese Worte schreibe, und dünn bis zur Fratzenhaftigkeit, dünndurch ihren grausamen Ausdruck von Härte, unwandelbarem Entschluß und starrer Verachtungmenschlicher Qual! Ich sah, daß der Spruch, der mein Schicksal besiegelte, über ihreLippen kam. Ich sah, wie sie sich bewegten, um mir den Tod zu verkünden. Ich sah, wie siedie Silben meines Namens bildeten, und schauderte, weil kein Ton auf die Bewegung folgte.Ich sah auch während einiger Augenblicke irren Entsetzens, daß sich die schwarzenDraperien, welche die Wände des Saales bekleideten, leise, fast unmerklich bewegten - unddann fiel mein Blick auf die sieben großen Kerzen auf dem Tisch. Erst schauten sie michan wie Bilder der Menschenliebe, ich hielt sie für weiße, schlanke Engel, die michretten wollten. Doch plötzlich goß sich ein grauenhafter Schwindel über meine Seele,und ich bemerkte, wie jede Fiber meines Leibes schauderte, als hätte ich den Draht einergalvanischen Batterie berührt; die Engelsgestalten wurden seelenlose Gespenster mitbrennenden Köpfen, und ich fühlte, daß ich von ihnen keine Hilfe zu erwarten habe. Unddann glitt, wie ein weicher musikalischer Ton, der Gedanke in mein Herz, wie köstlich dieRuhe im Grabe sein müsse. Er kam leise, verstohlen, und ich glaube, es dauerte lange, biser feste Gestalt annahm; doch in dem Augenblick, da mein Geist ihn klar empfand undausdachte, verschwanden wie durch Zauberkraft die Gestalten der Richter vor meinen Augen,die hohen Kerzen versanken in ein Nichts, ihre Flammen erloschen, schwarze Dunkelheit kamherauf, alle Gefühle wurden von der Empfindung verschlungen, als stürze meine Seele inwahnsinnig rasendem Fall in den Hades hinab. Und dann war alles Nacht, Schweigen, Ruhe.

Ich war ohnmächtig geworden; doch will ich damit nicht sagen, daß ich das Bewußtseinvollständig verloren hatte. Was noch von ihm geblieben war, will ich nicht zu bestimmen,nicht einmal zu beschreiben wagen. Sicher ist eben nur, daß mein Bewußtsein nicht ganzschwand. Im tiefsten Schlafe - nein! im Delirium - nein! im Tode - nein! selbst im Grabeschwindet es nicht ganz! Sonst wäre der Mensch ja wohl nicht unsterblich!? Wenn wir austiefstem Schlaf erwachen, zerreißen wir das Nebelgespinst irgendeines Traumes. Docherinnern wir uns eine Sekunde später nicht mehr - so zart ist oft das Gewebe -, daß wirgeträumt haben. Erwacht man aus einer Ohnmacht wieder zum Leben, so geht man durch zweiStadien. Im ersten gelangt man wieder zum Bewußtsein seines moralischen oder geistigen,im zweiten zum Gefühl seines körperlichen Daseins zurück. Es ist wahrscheinlich, daßwir, wenn wir ins zweite Stadium zurückgekehrt sind und uns dann noch der im erstenempfangenen Eindrücke entsinnen könnten, diese Eindrücke mit Erinnerungen aus demAbgrund des Jenseits beladen finden würden. Und dieser Abgrund - was birgt er in seinemSchoß? Wodurch unterscheiden sich seine Schatten von den Schatten des Grabes? Doch wennwir uns auch die Eindrücke des ersten Stadiums nicht willkürlich zurückrufen können:erscheinen sie nicht vielleicht nach langer Zeit von selbst, unaufgefordert, so daß wiruns verwundert fragen, woher sie wohl kommen mögen? Wer niemals ohnmächtig geworden ist,gehört nicht zu denen, die in einem glühenden Kohlenfeuer seltsame Paläste undsonderbar vertraute Gesichter wiederfinden; die oft in den Luftgebieten trauervolleVisionen vorüberziehen sehen, die von den Vielzuvielen nie bemerkt werden; die sich überden Duft einer unbekannten Blume in Grübeleien verlieren können; deren Gedanke sichplötzlich in dem Geheimnis einer Melodie, die sie bis dahin unbeachtet gelassen haben,verirren kann.

Bei meinen wiederholten Bemühungen, mich zu erinnern, bei meinen harten Anstrengungen,irgendeine Aufklärung über jenen Zustand scheinbaren Nichtseins, in den ich versunkenwar, zu erhalten, hatte ich oft Momente, in denen ich auf Erfolg hoffte, hatte ich kurze,sehr kurze Augenblicke, in denen ich eine Erinnerung heraufbeschwor, die sich, wie mirmein klarer gewordener Verstand in späteren Zeiten oft versicherte, nur auf jenen Zustandscheinbaren Nichtseins beziehen konnte. Diese Erinnerungsschatten redeten undeutlich vongroßen Gestalten, die mich aufhoben und nach unten trugen - schweigend nach unten, undimmer tiefer -, bis mich bei dem Gedanken an den bodenlosen Abgrund, in den ich versank,ein scheußlicher Schwindel ergriff. Sie redeten auch von einem unbestimmten Schauder, dermein Herz durchzitterte, weil dies Herz so unnatürlich ruhig geworden war. Dann folgteein Gefühl, als sei alles, was mich umgab, in jähe Starre versunken; als hätten die,welche mich trugen - ein Zug von Gespenstern! -, in ihrem Absturz die Grenze desUnbegrenzten erreicht und hielten nun still und ruhten von der Ermüdung ihrer Arbeit aus.Darauf muß ich wohl ein Gefühl von Schalheit und Feuchtigkeit empfunden haben; und dannist alles Wahnsinn - der Wahnsinn eines Willens, der sich des Übermenschlichen,Verbotenen entsinnen will.

Ganz plötzlich empfand meine Seele wieder Bewegung und Klang - die stürmische Bewegungmeines Herzens und sein Widerklingen in meinem Ohr. Dann trat eine Pause ein, in der alleswieder in schwarzes Nichts versank, doch spürte ich bald von neuem die Bewegung und denKlang - und gleich darauf ein Zittern, das mein ganzes Wesen durchfuhr. Plötzlich kam mirauch ein bloßes Daseinsbewußtsein zurück, das, ohne von einer anderen Empfindungbegleitet zu sein, eine Weile anhielt, bis sich nach langer Zeit und unvermittelt in mirein Gedanke erhob, den ich mit schauderndem Entsetzen als einen Versuch erkannte, mirüber meinen Zustand bewußt zu werden. Dann faßte mich plötzlich der heiße Wunsch,wieder in Bewußtlosigkeit zurückzuversinken. Doch nun schien meine Seele plötzlich ganzaufzuwachen, und ich machte eine erfolgreiche Anstrengung, mich zu bewegen. Und icherinnerte mich deutlich an die Verhandlung, die Richter, die schwarzen Draperien, an dasUrteil, an meine Ohnmacht. Und doch vergaß ich noch einmal wieder mich selbst, die Zeitund den Raum, vergaß alles, dessen ich mich in späteren Tagen mit unsäglicher Mühewieder zu erinnern versuchte.

Bis jetzt hatte ich meine Augen noch nicht geöffnet. Ich fühlte nur, daß ich ohneFesseln auf dem Rücken lag. Als ich meine Hand ausstreckte, fiel sie schwer auf irgendetwas Feuchtes, Hartes. Mehrere Minuten lang ließ ich sie liegen, während ich zu erratensuchte, wo und in welchem Zustand ich mich befände. Ich verlangte danach, um mich zuschauen, doch wagte ich es nicht, denn ich fürchtete den ersten Blick auf dieGegenstände, die mich umgeben könnten. Zwar graute mir im Grunde nicht davor,gräßliche Dinge zu erblicken, ich schauderte vielmehr vor Angst, vielleicht gar nichtszu sehen. Endlich riß ich in wilder Verzweiflung meine Augen auf und fand meinengrauenhaften Gedanken bestätigt. Die Finsternis der ewigen Nacht umschloß mich. Ich rangnach Atem, denn es schien mir, als ob die Undurchdringlichkeit der Dunkelheit mich wieeine schwere Last bedrücke und ersticken wolle. Ich blieb regungslos liegen und machteeine Anstrengung, meinen Verstand zu Rate zu ziehen. Ich erinnerte mich an Einzelheitender Gerichtsverhandlung, an ihren ganzen Verlauf, und versuchte dann von diesem Punkteaus, meinen wahren Zustand zu erkennen. Ich wußte, daß das Urteil gesprochen worden war,und mir schien, als sei seit diesem Augenblick eine lange Zeit verstrichen. Doch hielt ichmich nicht eine Sekunde lang für tot. Eine solche Vorstellung ist, trotz allem, wasdarüber geschrieben sein mag, bei einem lebendigen Menschen einfach ausgeschlossen - dochwo und in welchem Zustand befand ich mich? Die zum Tode Verurteilten wurden, wie ichwußte, gewöhnlich während der Autodafés umgebracht, und ich hatte gehört, daß in derNacht nach dem Urteilsspruch ein solches abgehalten werden sollte. Hatte man mich wiederin mein Gefängnis zurückgebracht, um mich für die nächste Opferung, die erst in einpaar Monaten stattfand, aufzusparen? Ich sah sofort ein, daß dies nicht sein könne. Manhatte ja Opfer nötig gehabt. Überdies war meine Zelle, wie in allen Gefängnissen zuToledo, mit Steinen gepflastert und dem Licht nicht jeder Eintritt verwehrt gewesen.

Plötzlich trieb mir ein gräßlicher Gedanke alles Blut zum Herzen und stieß mich füreine kurze Zeit wieder in Bewußtlosigkeit. Als ich wieder zu mir kam, sprang ich aufmeine Füße; jede Fiber in mir bebte. Ich griff mit meinen Armen wild nach allenRichtungen hin. Nichts fühlte ich; doch zitterte ich, einen Schritt zu tun: aus Furcht,an die Wände eines Grabes zu stoßen. Schweiß drang mir aus jeder Pore und stand indicken, kalten Tropfen auf meiner Stirn. Die Angst der Ungewißheit wurde zum Schlußunerträglich, und ich wagte mich vorsichtig vorwärts, streckte die Arme aus und starrteso angestrengt, daß meine Augen fast aus ihren Höhlen springen wollten, vor mich hin, inder Hoffnung, einen wenn auch noch so schwachen Lichtstrahl zu entdecken. Ich tat mehrereSchritte, doch blieb alles dunkel und leer. Ich atmete etwas freier. Es schien ja, alshabe man mich doch nicht dem gräßlichsten aller Tode überliefert.

Und während ich nun vorsichtig vorwärtsschritt, erwachten, überstürzten sich in meinemGeist tausend Erinnerungen an das, was ich von den Schrecken Toledos gehört hatte. Manerzählte schauerliche Dinge von den Gefängnissen - mir waren sie eigentlich immer wieFabeln erschienen, Fabeln, die zu gräßlich waren, um wiederholt zu werden. Hatte manmich in dieser unterirdischen Welt dem Hungertode preisgegeben? Oder welches vielleichtnoch gräßlichere Schicksal erwartete mich? Daß der Tod - und zwar ein bitterer,grausamer Tod - das Ende sein werde, daran zweifelte ich, da ich ja meine Richter kannte,nicht einen Augenblick. Ich dachte nur darüber nach, in welcher Gestalt und wann er sichmir nahen werde.

Meine ausgestreckte Hand fand endlich festen Widerstand. Allem Anschein nach war es eineSteinmauer - die mir sehr glatt, feucht und kalt schien. Ich ging an ihr mit jenemangstvollen Mißtrauen, welches mir gewisse alte Geschichten eingeflößt hatten,vorsichtig entlang. Doch gelangte ich auf diese Weise zu keiner Vorstellung von derGröße meines Gefängnisses, denn die Mauer war an allen Stellen so vollkommengleichmäßig, daß sie sehr wohl rund sein konnte und ich immer im Kreise herumging.Deshalb suchte ich nach dem Messer, das sich in meiner Tasche befunden hatte, als man michin das Inquisitionszimmer führte. Es war verschwunden, und ich bemerkte, daß man meineKleider gegen ein grobes Leinengewand vertauscht hatte. Ich wollte die Messerklinge ineine kleine Ritze der Wand stoßen, um den Punkt, von dem ich ausging, zu bezeichnen. Dochgelang mir dies auch ohne Messer, obgleich ich es anfangs in meiner Gedankenzerrüttungselbst nicht zu hoffen gewagt hatte: ich riß nämlich ein Stück aus meinem Gewand undlegte es auf den Boden, in rechtem Winkel zu der Mauer, nieder. War mein Gefängniswirklich rund, so mußte ich, nachdem ich mich im Kreise herumgetastet hätte, wieder aufden Kleiderfetzen stoßen. So wenigstens hatte ich kalkuliert, doch bei meiner Berechnungdie Größe des Gefängnisses und meine vollständige Körperschwäche ganz außer achtgelassen. Der Boden war feucht und glatt, ich wankte ein paar Schritte vorwärts,stolperte und fiel hin. Meine Erschöpfung zwang mich, liegen zu bleiben, und baldüberwältigte mich der Schlaf.

Als ich erwachte und einen Arm ausstreckte, fand ich an meiner Seite ein Brot und einenKrug mit Wasser. Ich war zu erschöpft, um mir diese Tatsache irgendwie erklären zukönnen, sondern aß und trank mit Heißhunger. Bald darauf nahm ich meinen Rundgang umdas Gefängnis wieder auf und stieß nach beschwerlichem Vorwärtstasten wieder auf denKleiderfetzen. Bis zu dem Augenblick, in dem ich niederfiel, hatte ich schonzweiundfünfzig Schritte gezählt, und nun hatte ich von neuem achtundvierzig Schrittegemacht, ehe ich an mein Merkzeichen zurückgelangte. Im ganzen waren es also hundertSchritte, und nahm ich an, daß zwei Schritte eine Elle ausmachten, so mußte meinGefängnis fünfzig Ellen im Umfang haben. Doch hatte ich eine Menge Winkel in der Mauergefunden, so daß ich mir keine rechte Vorstellung von der wirklichen Gestalt der Grubemachen konnte; irgend etwas, das ich mir nicht näher erklären konnte, bestimmte michnämlich, anzunehmen, daß ich mich in einer Grube befinde.

Die Nachforschungen interessierten mich im übrigen nicht sehr - jedenfalls stellte ichsie nicht an, weil ich irgendwelche Hoffnung schöpfte; eigentlich war es nur eineunbestimmte Neugierde, die mich zwang, dieselben fortzusetzen. Ich wandte mich von derMauer weg und beschloß, den Raum quer zu durchschreiten. Anfangs tastete ich mich nur mitaußerordentlicher Vorsicht weiter, denn der Boden war, obgleich hart und festgefügt,gefährlich glitschig. Dann nahm ich jedoch all meinen Mut zusammen, um festauszuschreiten, und bemühte mich zugleich, den Raum in möglichst gerader Linie zudurchkreuzen. Ich mochte vielleicht zehn oder zwölf Schritte gemacht haben, als sichmeine Füße in den Kleiderfetzen verwickelten. Ich stolperte und fiel heftig aufsGesicht.

In dem ersten Schrecken über meinen Fall entging mir anfangs ein überraschender Umstand,der jedoch schon nach ein paar Sekunden meine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog.Sonderbarerweise ruhte nämlich mein Kinn auf dem Boden des Gefängnisses, aber meineLippen und der obere Teil meines Kopfes berührten, obwohl sie tiefer lagen als das Kinn,anscheinend nichts. Zu gleicher Zeit fühlte ich meine Stirn wie in einem klebrigen Dampfgebadet, und der nicht zu verkennende Geruch verwester Schwämme drang in meine Nase. Ichstreckte meinen Arm aus und fand mit Schaudern, daß ich gerade auf den Rand eines rundenBrunnens gefallen sei, dessen Ausdehnung ich in diesem Augenblick natürlich noch nichtermessen konnte. Ich tastete mit der Hand an dem Mauerwerk gerade unterhalb des Randesentlang, bröckelte einen kleinen Stein los und ließ ihn in den Abgrund fallen. Währendmehrerer Sekunden vernahm ich sein wiederholtes Aufschlagen an den Seiten oderVorsprüngen des Abgrundes, dann sein dumpfes Einschlagen in das Wasser, dem ein lautes,vielfaches Echo folgte. Zugleich vernahm ich einen Laut wie von dem raschen Öffnen undwieder Schließen einer Tür über mir, während ein schwacher Lichtstrahl plötzlich dieDunkelheit durchzuckte und ebenso rasch wieder verschwand.

Nun erkannte ich klar, welches Schicksal man mir zugedacht hatte, und konnte mich zumeinem Fall, der mich vor demselben bewahrte, beglückwünschen. Noch einen Schritt weiterund die Welt hätte mich nie mehr gesehen. Die Todesart, der ich eben entgangen war, warso gräßlich, daß sie alle jene Gerüchte über die Scheußlichkeiten der Inquisition,die ich für grausige Fabeln gehalten hatte, an Gräßlichkeit übertraf. Die Opfer hattengewöhnlich die Wahl zwischen einem Tod unter den schauerlichsten körperlichen oderunerhörtesten geistigen Qualen. Mir hatte man die letzteren zugedacht. Das lange undunsägliche Leiden hatte meine Nerven schon so zerrüttet, daß ich bei dem Klang meinereigenen Stimme zu zittern begann und ein ausgezeichnetes Objekt für die Art Qualengeworden war, die man mir zugedacht hatte.

An allen Gliedern bebend, tastete ich mich zu der Mauer zurück, entschlossen, lieber dortzu sterben, als mich der Gefahr auszusetzen, in einen der gräßlichen Brunnen zu geraten,die mir meine Phantasie an den verschiedensten Stellen des Gefängnisses vorspiegelte.

Wäre ich in einem anderen Gemütszustand gewesen, so hätte ich den Mut gehabt, meinerQual durch einen Sprung in einen dieser Abgründe mit einem Mal ein Ende zu machen. Dochhatten mich alle die seelischen Leiden, die vorhergegangen waren, zum Feigling gemacht,und außerdem fiel mir wieder ein, was ich von diesen Brunnen gelesen hatte: daß ihregräßliche Bauart einen schnellen Tod einfach ausschloß.

Meine Aufregung hielt mich lange Stunden wach; endlich schlummerte ich wieder ein. Als ichaus dem Schlaf auffuhr, fand ich, wie das vorige Mal, ein Brot und einen Krug Wasser anmeiner Seite. Ein brennender Durst quälte mich und ich leerte das Gefäß auf einen Zug.Man mußte dem Wasser irgendein Schlafmittel beigemischt haben, denn kaum hatte ichgetrunken, so schlossen sich meine Lider von neuem.

Ich schlief wie tot. Als ich meine Augen wieder öffnete, konnte ich die Gegenstände ummich her erkennen. Ein seltsames schwefelgelbes Licht, dessen Ursprung ich zunächst nichtausfindig machen konnte, ließ mich die Ausdehnung und Bauart meines Gefängnissesüberschauen. Ich hatte mich über seine Größe durchaus getäuscht. Der ganze Umfang derMauern betrug höchstens fünfundzwanzig Ellen. Diese Tatsache leitete mich für einigeMinuten in eine ganze Welt müßiger Verwunderungen, die ich mir kaum zu erklärenvermochten; denn was konnte mich unter den furchtbaren Umständen, in denen ich michbefand, die Größe meines Gefängnisses kümmern? Doch ergriff mich ein sonderbaresInteresse für die unbedeutendsten Kleinigkeiten meiner Umgebung, und ich bemühte mich,die Ursache meines Irrtums herauszufinden. Nach langem Nachdenken kam ich denn auchdahinter: Bei meinem ersten Versuch, das Gefängnis zu umschreiten, hatte ich bis zu demAugenblick, in dem ich hinfiel, zweiundfünfzig Schritte gezählt und mußte demKleiderfetzen bis auf ein oder zwei Schritte nahe gekommen sein. Darauf war icheingeschlafen und hatte mich beim Erwachen herumgedreht und denselben Weg noch einmalgemacht, ohne in meiner Verwirrung zu bemerken, daß ich beim ersten Mal die Mauer zurlinken und beim zweiten Mal zur rechten Hand hatte.

Auch bezüglich der Form des Gefängnisses hatte ich mich getäuscht. Als ich mich an denMauern herumtastete, hatte ich eine Menge Winkel gefunden und mir den Raum deshalbäußerst unregelmäßig gedacht. Die Winkel stellten sich jetzt einfach alsunregelmäßig verteilte Einbuchtungen heraus. Im allgemeinen war das Gefängnisviereckig. Was ich für Mauerwerk gehalten hatte, schien Eisen zu sein oder irgendeinanderes Metall, das in großen Platten die Wand bekleidete. Die ganze Oberfläche diesererzenen Wände war mit rohen Abbildungen all jener abschreckenden scheußlichen Szenenbesudelt, die dem grobsinnlichen Aberglauben der Mönche ihre Entstehung verdankten.Teufelsfratzen mit drohenden Mienen, Skelette und andere noch gräßlichere Bilderüberzogen die Wände. Ich bemerkte, daß die Konturen dieser Ungeheuerlichkeiten ziemlichdeutlich hervortraten, während die Farben verlöscht und verblaßt zu sein schienen, wiees unter dem Einfluß einer feuchten Atmosphäre zu geschehen pflegt. Dann betrachtete ichden Fußboden: er war von Stein und in seiner Mitte gähnte der ungeheure Schlund, dem ichentronnen war; doch war er der einzige, der sich im Kerker befand.

Ich erblickte alles dies nur undeutlich und mit vieler Mühe - denn während meinesSchlafes war mit meiner Lage eine große Veränderung vor sich gegangen. Man hatte michjetzt der Länge nach auf eine Art von niedrigem Holzrahmen mit Lattenwerk auf den Rückenhingestreckt. Mit einem langen, einem Sattelgurt ähnlichen Riemen hatte man mich danndort festgebunden. Diese Fessel umwand meinen Körper und meine Glieder vielfach, so daßnur mein Kopf und mein linker Arm frei blieben, der letztere jedoch nur so weit, daß ichmit vieler Mühe bis zu einer irdenen Schüssel reichen konnte, die, mit Nahrung gefüllt,mir zur Seite auf dem Boden stand. Mit Entsetzen bemerkte ich, daß man den Wasserkrugfortgenommen hatte. Ich sage mit Entsetzen, denn ich wurde von einem unerträglichen Durstgequält. Diesen Durst zu erzeugen schien in der Absicht meiner Quäler zu liegen, denndie in der Schüssel befindliche Nahrung bestand aus einer starkgewürzten Fleischspeise.

Ich begann jetzt, die Decke meines Gefängnisses zu betrachten. Sie mochte wohl dreißigoder vierzig Fuß hoch sein und war von ähnlicher Bauart wie die Seitenwände. Auf einemder Felder erblickte ich eine sonderbare Figur, die meine ganze Aufmerksamkeit auf sichzog. Es war das gemalte Symbol der Zeit, wie man sie gewöhnlich darstellt, nur hielt siestatt der Sichel ein Ding in der Hand, das ich auf den ersten Blick für die Abbildungeines großen Pendels hielt, wie man ihn noch an altmodischen Uhren sieht. Doch fiel mirirgend etwas an diesem Instrument auf, das mich veranlaßte, aufmerksam hinzuschauen.

Während ich nun gerade hinaufstarrte - das Pendel war genau über mir angebracht -,schien es mir plötzlich, als bewege es sich. Einen Augenblick später fand ich meineVermutung bestätigt. Seine Schwingungen waren kurz und langsam. Ich beobachtete sieeinige Minuten lang mit großem Schrecken, aber noch größerem Erstaunen. Als mich diesendlich ermüdete, richtete ich meine Blicke auf andere in der Zelle befindlicheGegenstände.

Bald darauf vernahm ich ein sonderbares, raschelndes Geräusch und sah mehrere Ratten vonungewöhnlicher Größe über den Boden hinlaufen. Sie waren aus dem Brunnen gekommen, denich von meinem Platz aus überschauen konnte. Selbst während ich hinsah, kamen siescharenweise herauf und eilten, von dem Geruch des Fleisches angelockt, mit gierigen Augenherbei. Nur mit vieler Mühe und Aufmerksamkeit konnte ich sie von der Schüsselverscheuchen.

Es mochte wohl eine halbe, vielleicht aber auch eine ganze Stunde vergangen sein - ichkonnte mir ja nur eine sehr unvollkommene Vorstellung von der Zeit machen -, ehe ich meineBlicke wieder empor zur Decke richtete. Was ich da erblickte, versetzte mich inVerwunderung und Bestürzung. Die Schwingung des Pendels hatte sich fast um eine Ellevergrößert und an Geschwindigkeit ebenfalls zugenommen; was mich jedoch hauptsächlichbeunruhigte, war die Tatsache, daß sich das Pendel selbst merklich tiefer gesenkt hatte.Ich bemerkte jetzt auch - es ist überflüssig, zu sagen, mit welchem Grausen -, daß seinunteres Ende aus einem Halbmond von blitzendem Stahl bestand, der von einem Horn zumanderen etwa einen Fuß maß. Die Spitzen der Hörner waren nach aufwärts gekehrt, unddie untere Kante hatte augenscheinlich die Schärfe eines Rasiermessers. Auch schien dasPendel so massiv und schwer wie ein solches, da es, von der haarscharfen Schneide anallmählich dicker werdend, oben in einen breiten Rücken auslief. Es hing an einem dickenStabe von Messing, und das Ganze zischte ordentlich, wenn es die Luft durchschnitt.

Nun konnte ich nicht länger im Zweifel darüber sein, welches Schicksal mir dieerfinderische Grausamkeit der Mönche zugedacht hatte. Es war den Dienern der Inquisitionnicht entgangen, daß ich die Grube entdeckt hatte: jene Grube, deren Schrecken einem soversteckten Ketzer, wie ich es in ihren Augen war, bestimmt war - die Grube, dies Bild derHölle, die, wie das Gerücht ging, das Grauenhafteste an Foltern barg, was die teuflischeGrausamkeit der Mönche nur ausgeklügelt hatte. Durch einen bloßen Zufall war ich vordem Sturz in diesen Abgrund bewahrt geblieben, und ich wußte, daß fürchterlicheÜberraschungen einen wichtigen Bestandteil der Ungeheuerlichkeiten des Foltertodesbildeten. Da ich selbst dem Sturz entgangen war, würde man mich nicht durch fremde Handin den Abgrund schleudern; die Grube war so ein für allemal aus dem Marterplanausgeschaltet. Es erwartete mich also eine andere, mildere Art der Vernichtung. Milder!Fast mußte ich in meiner Todesangst auflachen, einen solchen Gedanken unter solchenUmständen gedacht zu haben

Doch was würde es nützen, von jenen langen, langen Schreckensstunden reden zu wollen, indenen ich die sausenden Schwingungen des scharf geschliffenen Stahles zählte! Zoll umZoll, Linie um Linie, mit kaum erkennbaren, nur nach längeren Zeiträumen, die mir wieJahrhunderte erschienen, merklichen Senkungen schwebte das entsetzliche Instrument aufmich herab! Tage vergingen - viele Tage mochten vergangen sein, bis es so dicht über mirhin und her sauste, daß mich die raschen Schwingungen wie ein glühender Atemanfächelten! Schon drang der Geruch des scharfen Stahles in meine Nase. Ich betete - ichschrie zum Himmel empor, daß er die Bewegungen des Pendels beschleunige. Ich wurde wierasend, wie tollwütig und bäumte mich aufwärts, um mich dem gräßlichen Vernichterschneller anheimzugeben. Dann wurde ich plötzlich sehr ruhig, sank zurück und blickteden glitzernden Tod lächelnd an, wie ein Kind ein seltsames Spielzeug.

Es trat ein Zustand völliger Bewußtlosigkeit ein, der aber nicht lange gedauert habenkonnte, denn als ich wieder zu mir kam, war keine wesentliche Senkung des Pendels zubemerken. Doch bewies dies eigentlich nichts, denn ich mußte mir sagen, daß mich vonoben herab meine teuflischen Quäler bewachten und während meiner Ohnmacht dieSchwingungen nach Belieben aufgehalten haben konnten. Außerdem fühlte ich mich, als ichwieder zu mir kam, sehr elend - ach: unsagbar elend und matt, als hätte ich schon seitlanger Zeit keine Nahrung mehr zu mir genommen. Selbst inmitten all dieser Todesqualenforderte die Natur gebieterisch ihr Recht. Mit schmerzhafter Anstrengung streckte ichmeinen linken Arm aus, so weit es meine Fesseln erlaubten, und bemächtigte mich dergeringen Speisenreste, welche die Ratten übriggelassen hatten. Als ich ein StückchenFleisch zwischen meine Lippen schob, tauchte in meinem Geist etwas wie ein unbestimmterGedanke der Freude und Hoffnung auf. Und doch, was hatte ich mit Hoffnung zu tun? Es war,wie ich sagte, nur das unbestimmte Dämmern eines Gedankens, wie es im Menschen somanchmal entsteht und spurlos wieder zerrinnt. Ich fühlte, daß es Freude und Hoffnungbedeutete - aber ich fühlte auch, daß diese Regungen im Entstehen schon wieder in nichtszerflossen. Vergebens bemühte ich mich, sie zu einem bestimmten Gedanken zu verdichten,sie festzuhalten. Die lange Qual hatte meine geistigen Fähigkeiten fast vernichtet. Ichwar beinahe zum Blödsinnigen, zum Idioten geworden.

Die Schwingungen des Pendels standen im rechten Winkel zu meiner Körperlänge. Ich sah,daß der Halbmond genau mein Herz durchschneiden müsse. Zuerst würde er den Stoff meinesGewandes schlitzen, bei der Rückschwingung den Einschnitt wiederholen - und dann wiederund wieder. - Trotz der entsetzlich weiten Schwingung, die jetzt wohl schon dreißig Fußbetrug, und trotz der sausenden Kraft, mit der das Pendel niederfuhr und die wohl genügthätte, die eisernen Wände zu spalten, würde sich während einiger Minuten die ganzeWirkung darauf beschränken, mir die Kleider zu zerreißen. Bei diesem Gedanken verweilteich lange, da ich nicht wagte, weiter darüber hinauszugehen. Ich verharrte bei ihm mitstarrer Aufmerksamkeit, als könne ich dadurch den Stahl aufhalten. Ich zwang mich, überdas Sausen des Halbmondes, wenn er meine Kleider durchschneiden würde, nachzugrübeln -an das eigentümliche Erschaudern zu denken, das meine Nerven bei dem Zerreißen desGewandes überlaufen würde. Über all diese Nebensächlichkeiten grübelte ich nach, bismeine Zähne wie im Frost aufeinanderschlugen. Tiefer, immer tiefer sank das Pendel. Ichfand ein irres Vergnügen daran, die Schnelligkeit der Schwingungen nach oben und nachunten miteinander zu vergleichen. Nach rechts, nach links - auf und ab sauste es,stöhnend, heulend wie ein Verdammter in der Hölle. Auf mein Herz ging es los, mitsicherem, beständigem Schleichtritt wie ein Tiger. Und ich lachte und heulte abwechselnddazu, je nachdem die eine oder die andere Vorstellung in mir die Oberhand gewann.

Tiefer - immer tiefer, ohne Erbarmen! Nur noch drei Zoll über meinem Herzen sauste dasPendel dahin. Ich machte wilde, wütende Anstrengungen, meinen linken Arm, der bis zumEllbogen gefesselt war, ganz zu befreien. Wäre es mir gelungen, so hätte ich das Pendelergriffen und zum Stillstand zu bringen versucht. Doch hätte ich wohl ebensogut wagenkönnen, den Sturz einer Lawine aufzuhalten.

Tiefer sauste es - unaufhörlich, unerbittlich tiefer! Ich rang nach Atem und bot alleKräfte auf, um mich zu befreien. Bei jeder neuen Schwingung zuckte ich wie von einemKrampf geschüttelt zusammen; meine Blicke folgten dem sausenden Stahl nach oben und nachunten mit dem gierigen Eifer der sinnlosesten Verzweiflung. Wenn er niederfuhr, schlossensich meine Augen vor irrer Angst, und doch wäre mir der Tod eine Erlösung, eineunaussprechlich heiß ersehnte Erlösung gewesen! Und andererseits schauderte ich bis inmeine innersten Fibern bei der Vorstellung, wie wenig sich der fürchterliche Stahl nurnoch zu senken brauchte, um meine Brust zu durchschneiden. Was mich so erschauern undmeine Nerven erzittern ließ, das war Hoffnung -: ja, Hoffnung, die noch in den Kerkernder Inquisition die dem Tode Geweihten umflüstert. Ich sah, daß nach etwa zehn oderzwölf Schwingungen der Stahl in Berührung mit meinen Kleidern kommen müsse; und mitdieser Überzeugung überkam meinen Geist plötzlich die kalte Ruhe der Verzweiflung. Zumersten Male seit vielen Stunden, ja seit vielen Tagen dachte ich wieder. Es fiel mirplötzlich auf, daß die Gurte, die mich fesselten, aus einem Stück bestanden. Ich war ankeiner Stelle mit einem einzelnen Riemen festgebunden, Der erste Schnitt des haarscharfenHalbmondes durch irgendeinen Teil meiner Fesseln mußte dieselben so weit lösen, daß esmir gelingen konnte, mich mit meiner freien linken Hand ganz aus ihnen herauszuwickeln.Doch wie fürchterlich war selbst in diesem Falle die nahe Berührung des Stahles! Diegeringste Zuckung konnte ja tödlich werden! Überdies war es leicht möglich, daß meineQuäler eine solche Möglichkeit vorausgesehen und ihr vorgebeugt hatten. Wieunwahrscheinlich war es, daß die quer über meine Brust laufende Fessel so angebrachtwar, daß das Pendel sie treffen wurde? Voller Furcht, meine letzte schwache Hoffnungvernichtet zu sehen, reckte ich meinen Kopf, soweit es ging, in die Höhe, um einenÜberblick über meine Brust zu erhalten.

Meine Glieder und mein Körper waren nach allen Richtungen hin von den Gurten festumwunden - ausgenommen da, wo der tödliche Halbmond vorüberstreifen mußte!

Kaum war ich in meine frühere Lage zurückgesunken, als in meiner Seele etwas aufblitzte,das ich nicht besser beschreiben kann, als wenn ich es die zweite Hälfte jenesunbestimmten Gedankens an Befreiung nenne, den ich schon vorhin erwähnte, der mir vageund undeutlich vorschwebte, als ich die Speise an meine brennenden Lippen führte. Jetztstand er vor mir - noch schwach, von der Vernunft kaum gebilligt, doch vollständig underkennbar. Mit der schaudernden Energie der Verzweiflung machte ich mich sogleich an seineAusführung.

Seit mehreren Stunden wimmelte es dicht um den hölzernen Rahmen herum, auf dem ich lag,von Ratten. Sie schwärmten mit dreister, gieriger Zudringlichkeit heran und starrten michmit ihren rötlich glühenden Augen an, als warteten sie nur darauf, mich, sobald ichregungslos daliegen würde, zu verzehren. ›Welcher Art‹, dachte ich mit Grausen,›mag wohl ihre Nahrung im Brunnen gewesen sein?‹

Sie hatten, trotz all meiner Versuche, sie zu verscheuchen, den Inhalt der Schüssel bisauf einen kleinen Rest verzehrt. Unaufhörlich hatte ich die Hand über dem Speiserest hinund her bewegt, doch zum Schluß war die Bewegung durch ihre fortwährendeGleichmäßigkeit wirkungslos geworden. Das scharfe Gebiß dieser gefräßigen Tiere hatteoft meine Finger berührt. Mit den kleinen Stückchen der fetten, stark gewürzten Speise,die noch vorhanden waren, rieb ich nun meine Fesseln, so weit ich nur reichen konnte,gründlich ein. Dann zog ich meine Hand zurück und blieb regungslos, mitzurückgehaltenem Atem, liegen.

Anfangs schienen die raubgierigen Tiere durch die Veränderung erschreckt, schienen derplötzlichen Bewegungslosigkeit zu mißtrauen. Sie eilten zum Brunnen zurück, und ichfürchtete schon, sie würden sich nicht mehr heranwagen. Doch dauerte ihre Angst nureinen Augenblick lang. Ich hatte nicht umsonst auf ihre Gefräßigkeit gerechnet. Als siebemerkten, daß ich regungslos liegenblieb, sprangen ein oder zwei der zudringlichsten aufden Holzrahmen und schnüffelten an den Fesseln herum. Dies schien das Zeichen zu einemallgemeinen Sturm zu sein. In immer neuen Scharen schwärmten sie vom Brunnen heran. Sieklammerten sich an das Holz, stürzten auf den Rahmen und trieben sich zu Hunderten aufmeinem Körper herum. Die regelmäßige Schwingung des Pendels beunruhigte sie nicht immindesten. Sie wichen ihm aus und beschäftigten sich angelegentlichst mit den fettigenGurten. Immer größere Schwärme wimmelten heran. Sie krochen über meine Kehle, ihrekalten Schnauzen berührten oft meine Lippen; ich war dem Ersticken nahe; ein Ekel, dersich nicht in Worte fassen läßt, krampfte mir den Magen zusammen und erfüllte mich miteisiger Übelkeit. Doch hielt ich standhaft aus, da ich fühlte, daß der Kampf nicht mehrlange dauern könne. Deutlich spürte ich schon, wie meine Fesseln sich lockerten, siemußten schon an mehr als einer Stelle zernagt sein. Mit übermenschlicher Willenskrafthielt ich still.

Ich hatte mich in meinen Berechnungen nicht geirrt, und meine Standhaftigkeit schienbelohnt zu werden. Ich fühlte, daß ich frei war! Der Gurt hing in Fetzen um meinenKörper herum. Doch schon berührte das Pendel meine Brust. Der Stoff meines Gewandes warschon geschlitzt, selbst das Hemd darunter war schon durchschnitten worden. Noch zweimalschwang das Pendel, und durch jede Fiber meines Leibes zuckte ein schauerlichdurchdringendes Schmerzgefühl. Doch der Augenblick der Rettung war gekommen. Auf einefeste Bewegung meiner Hand stürzten meine Befreier erschreckt von dannen. Vorsichtig,langsam, zusammengekrümmt machte ich eine seitliche Schwenkung und glitt aus meinenFesseln und dem Bereich des fürchterlichen Stahls auf die Erde nieder. Für denAugenblick wenigstens war ich frei.

Frei! In den Klauen der Inquisition und von Freiheit reden! Kaum in war ich von meinemhölzernen Schreckenslager auf den Steinboden meines Gefängnisses herabgeglitten, als dieBewegung der höllischen Maschinerie aufhörte. Ich sah, wie sie von einer unsichtbarenKraft zur Decke emporgezogen wurde, und neue Verzweiflung zerriß mir das Herz. Manüberwachte also jede meiner Bewegungen! Frei! - Ich war nur einer Art von Todesqualentgangen, um einer schlimmeren überliefert zu werden. Bei diesem Gedanken schweiftenmeine entsetzten Blicke unwillkürlich an den eisernen Mauern, die mich umschlossen,entlang. Irgendeine Veränderung, über die ich mir im ersten Augenblick noch nicht rechtklar wurde, hatte stattgefunden, irgend etwas Ungewöhnliches war im Raum vor sichgegangen. Mehrere Minuten lang quälte ich mich, in einer grausenerfüllten, traumhaftenVersunkenheit befangen, mit unmöglichen, irren Vermutungen ab. Dann bemerkte ich zumerstenmal den Ursprung des schwefeligen Lichtes, das meinen Kerker erfüllte. Es drang auseinem vielleicht einen halben Zoll breiten Spalt hervor, der am Fuß der Wände den ganzenKerker entlanglief, so daß sie vollständig vom Fußboden getrennt waren. Ich bemühtemich, durch die Rinne hinunterzuspähen, jedoch vergeblich.

Als ich mich nach diesem Versuch wieder erhob, wurde mir plötzlich klar, worin diegeheimnisvolle Veränderung meiner Zelle bestand. Ich sagte schon, daß die Umrisse der anden Wänden befindlichen Abbildungen deutlich hervortraten, die Farben hingegen matt undverblaßt erschienen. Diese Farben begannen jetzt von Augenblick zu Augenblickschreckhafter aufzuleuchten und verliehen den gespensterhaften, teuflischen Fratzen einenAnblick, der stärkere Nerven als meine zerquälten mit unerträglichem Grausen erfüllthaben würde. Dämonische Augen mit wilden, geisterhaften Blicken starrten mich plötzlichaus dunklen Ecken an und glühten mit so düsterem Feuerglanz zu mir her, daß ich michnicht zwingen konnte, sie nur für eine Vorspiegelung meiner gemarterten Phantasie zuhalten.

Vorspiegelung! - Schon drang beim Atemholen der Dunst von glühendem Eisen in meine Nase.Ein erstickender Qualm begann den Kerker zu erfüllen. Mit jeder Sekunde erglühten dieAugen, die auf meine Todesqualen niedergrinsten, in wüsterem Feuerschein. Die gemaltenblutigen Schauerszenen färbten sich blutiger. Schüttelnd riß ein Grausen an mir! Ichkeuchte! Ich erkannte die Absicht meiner Quäler - dieser entmenschten Teufel! Ich flohvor dem glühenden Eisen in die Mitte der Zelle. In dem unsagbaren Grauen vor der feurigenVernichtung, die mich erwartete, kam mir plötzlich wie linderndes Balsam der Gedanke andie Kühle des Brunnens. Ich beugte mich über seinen gefährlichen Rand und spähtescharf hinunter. Ein feuriger Schein fiel von der glühenden Decke und beleuchtete seineverborgensten Winkel. Doch sträubte sich mein Geist einen gräßlichen Augenblick lang,das, was ich da sah, für möglich zu halten. Endlich drängte sich die Wahrheit meinerSeele mit unwiderstehlicher Gewalt auf - brannte sich mit unerhörten Zügen in meineschaudernde Vorstellung. Wer könnte aussprechen, was ich sah? Jedes andere Schrecknis -nur nicht dies! Mit einem Schrei stürzte ich von dem Brunnenrand fort, verbarg meinGesicht in meinen Händen - und weinte bitterlich!

Die Hitze nahm rasch zu, und wie irrsinnig starrte ich noch einmal zur Decke empor. Einezweite Veränderung hatte sich vollzogen, und zwar diesmal in der Form des Kerkers. Wiefrüher bemühte ich mich, zuerst vergeblich, ihren Zweck zu erkennen. Doch blieb ichnicht lange im Zweifel. Mein zweimaliges Entkommen hatte die Wut der Inquisitoren zumÄußersten getrieben, und sie zögerten nicht, all ihren Grausamkeiten noch die letzte,fürchterlichste folgen zu lassen.

Der Kerker war ursprünglich rechtwinkelig gewesen, jetzt sah ich, daß zwei seinereisernen Ecken spitzwinkelig, die beiden anderen also stumpfwinkelig geworden waren. Mitleisem Knarren ging die furchtbare Verschiebung vor sich. Einen Augenblick später hatteder Raum die Gestalt eines verschobenen Quadrats. Doch hielt die Bewegung hier nicht an -ich hatte es auch weder gehofft noch gewünscht. Ich hätte ja die glühenden Wände wieein Totenhemd, das mir die ewige Ruhe versprach, an meine Brust drücken mögen! »Tod!«rief ich sehnsüchtig aus; denn willkommen war mir jeder Tod - nur nicht der Tod in derGrube! Ich Narr! Begriff ich denn immer noch nicht, daß das glühende Eisen keinenanderen Zweck hatte, als mich in den Brunnen hineinzutreiben? Konnte ich die Glutertragen? Und wäre dies auch möglich: mußte ich nicht der pressenden Gewalt derwandelnden Wände weichen? - Enger und enger und so schnell, daß mir keine Zeit zumGrübeln blieb, schob sich das Viereck zusammen. Schon stand sein Mittelpunkt, derbreiteste Raum zwischen den Eisenwänden, gerade über dem gähnenden Abgrund desBrunnens. Ich schauderte zurück - die Wände drängten mich wieder vor. Endlich war fürmeinen zuckenden, wunden Körper nur noch ein Zoll Raum auf dem Boden geblieben. Ichkämpfte nicht länger; die Todesangst meiner Seele schrie in einem einzigen lauten Schreider Verzweiflung zum Himmel auf. Ich fühlte, daß ich auf dem Rande schwankte - ichwandte die Augen ab
- ich hörte ein verworrenes Geräusch menschlicher Stimmen! Dann ein polterndes Rollen wie von tausend Donnern! Und jetzt ein lautes Signal wie von vielen Trompeten, die durcheinander schmetterten. Es krachte - dröhnte! Die feurigen Wände fuhren zurück! Ein ausgestreckter Arm ergriff den meinen, im Augenblick, da ich schon besinnungslos über dem Abgrunde wankte. Es war General Lasalle. Die französische Armee war in Toledo eingezogen. Die Inquisition befand sich in den Händen ihrer Feinde.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
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